Revolution im Reich der Riesenpfeifen
Orgelbauer Axel Thomaß produziert in Bad Liebenwerda die erste Orgel der Welt, die sich selbst stimmen kann
Bad Liebenwerda Axel Thomaß sieht aus wie ein Rock 'n Roll-Fan. Dabei stellt der 27-Jährige eines der klassischsten Instrumente überhaupt her: Er ist Orgelbauer. Unter seinen Händen entsteht derzeit ein hochmoderner Klangkörper, der sich selbst stimmen kann. Eine Revolution, die in der Zunft nicht unumstritten ist.
Da öffnet sich engerisch die Tür. Ein junger Mann stapft herein, eingehüllt in kalte Luft. „Na, läuft alles rund?“, ruft er und wirft die Jacke über ein Treppengeländer. Axel Thomaß, 27, arbeitet seit 2004 beim Mitteldeutschen Orgelbau A. Voigt in Bad Liebenwerda. Thomaß trägt das Haar und die Koteletten lang. Er mag Rockabilly, Ska und Klassik, spielt Bassgitarre, Posaune und Kontrabass.
65 Absagen, eine Zusage
Wie kommt einer wie er zum Orgelbau? „Durch Leidenschaft zur Musik“, sagt er, „und 65 Absagen bei Metallinstrumentenbauern.“ Dort hatte er sich zunächst beworben. Mit Musik arbeiten, ohne das finanzielle Risiko eines Berufsmusikers tragen zu müssen, das war sein Ziel.
An Orgeln hatte er dabei ursprünglich nicht gedacht, schließlich konnte er das Instrument gar nicht spielen. Als er sich dennoch beim Meister Markus Voigt in Bad Liebenwerda bewarb, stellte der ihn prompt ein. Thomaß' handwerkliches und musikalisches Geschick überzeugten.
„Eine leichte Nuance daneben“
Mittlerweile ist der junge Finsterwalder dem speziellen Charme des Berufs erlegen. „Diese Komplexität“, schwärmt er. „Schleifen, löten, hobeln, lackieren, gießen. Ich arbeite ja in mindestens fünf Handwerken – und dazu die Musik.“
Der 27-Jährige hat sich zu einem der führenden Köpfe beim neuesten Projekt des Hauses hochgearbeitet: der Pfeifenorgel mit dynamischer Stimmeinrichtung. „Musical Range“ nennt Thomaß die hochmoderne und ebenso komplexe Aufgabe, zu deutsch: musikalische Spannbreite. Schon eineinhalb Jahre werkeln er und seine Kollegen mit Hilfe der Hochschule Mittweida daran. Noch mal so lang, dann wollen sie das Ziel erreicht haben: eine Orgel, die sich selber stimmen kann. Die Europäische Union fördert das einzigartige Projekt.
Es sorgt in Fachkreisen für Aufregung. Denn um der Orgel in allen Harmonien eine saubere Stimmung zu verleihen, benötigt es gesteuerte Stimmeinrichtungen. Elektronik soll die Töne aus 56 Pfeifen aufeinander abstimmen. Daraus resultiert im Idealfall ein reiner Akkord, bei dem „nichts wackelt“, wie Thomaß sagt. Bisher sei das unmöglich. Manuell gestimmte Orgeln blieben immer minimal unsauber, „eine leichte Nuance daneben“.
Der Einsatz von Elektronik geht manchen Kollegen zwar zu weit. Die Tradition des Orgelbaus bestimmen seit jeher Holz und Metall, kein Elektro-Schnickschnack. Thomaß' Chef Dr. Markus Voigt aber argumentiert: „Die Orgel hat sich in jedem Jahrhundert weiterentwickelt und immer die technischen Fortschritte ihrer Zeit genutzt.“ Solange der Ton selbst nicht elektronisch erzeugt wird, müsse man also nicht nur auf ausgetretenen Pfaden gehen.
Entrückter Orgeltanz
Wer sollte das besser beurteilen können als Voigt? Seit 1996 leitet er in vierter Generation das Familienunternehmen, das sein Urgroßvater 1905 gründete. Er schrieb ein Buch über die Geschichte des Instruments, baut es in der eigenen Werkstatt zusammen und gibt in ganz Deutschland Orgelkonzerte.
Markus Voigt trägt schütteres, langes Haar, dunkle Kleidung, ein Kord-Sakko. Er spricht bedächtig. Aber sobald er seine Finger auf die Tasten einer Orgel legt, wirkt er entrückt. Geschmeidig wechseln die Füße auf schmalen Holzpedalen von links nach rechts, die Hände gleiten sanft über Tasten und Hebel. Der Körper wiegt sich mit den warmen und tiefen Tönen aus den Orgelpfeifen. „Dass man mit der klanglichen Vielfalt sogar ein Orchester überhöhen könnte, das ist faszinierend“, sagt Voigt.
Laien erreicht diese Faszination oft nicht. Sie verbinden das Instrument eher mit drögen Gottesdiensten. Kann Voigt das verstehen? „Orgeln eignen sich dazu, die Spiritualität im Menschen zu erwecken“, sagt er. Aber sie seien auch anspruchsvolle Konzertinstrumente. Das würden Menschen in anderen Ländern, zum Beispiel Russland, eher als Deutsche bemerken. Ob wohl Deutschland traditionell „das Orgelland“ sei. Das Instrument ist hierzulande aber fast ausschließlich durch Gottesdienste oder Beerdigungen bekannt. Auftraggeber der Orgelbauer sind dementsprechend meist Kirchen.
Urlaub von der Kirche
Axel Thomaß ist nicht religiös. Trotzdem ist es für ihn die „größte Freude“, wenn er das fertige Instrument einer Gemeinde übergeben kann. Dann ist es aber auch gut. „Ich arbeite von Montag bis Freitag für die Kirche. Am Wochenende nehme ich mir von ihr frei“, sagt er. Er steht auf, geht zum Radio und stellt einen anderen Sender ein. In der Werkstatt klingt jetzt Rock 'n Roll.
Die Orgelbauer geben im Video ein kleines Privatkonzert. www.lr-online.de/orgelbauer
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Artikel-Aktualisierungen:
Erstellt am: 12. Januar 2012, 00:00 Uhr
Geändert am: 12. Januar 2012, 13:07 Uhr
Autor: Von Anna Müller-Heidelberg

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