Noch ist der deutsche Schweißmarkt der größte innerhalb Europas. Doch der aus Asien angefachte globale Wettbewerb bringt die hiesigen Unternehmen zunehmend unter Druck. Die arbeiten fieberhaft daran, ihre Marktanteile über neue Technologien zu verteidigen. „Wir haben es aber in vielen Bereichen mit bereits ausgereiften Verfahren zu tun“, sagt Werner Kluge, Geschäftsführer des deutschen Verbandes für Schweißen und verwandte Verfahren (DVS) für den Bezirk Cottbus. Große Entwicklungssprünge seien nur begrenzt möglich. Eine Analyse der Beratungsfirma Frost & Sullivan kommt daher zu dem Schluss, dass Schweißanlagenhersteller Wachstum über bessere Qualität, vor allem aber über geringere Kosten realisieren können. Genau da kommt ein kleines Forscherteam von der FH Lausitz ins Spiel.



Werten Messdaten eines Schweißvorganges aus: Marcel Tempelhagen, Frank Wagner (v.l. vorne), Kristin Schlodder und Prof. Johannes Kruscha (alle Hochschule Lausitz). Foto: Michel Havasi Foto: Michel Havasi
Tausende Schweißnähte

Gemeinsam mit den drei jungen Wissenschaftlern Kristin Schlodder, Frank Wagner und Marcel Tempelhagen arbeitet Professor Johannes Kruscha an seinem Institut für Inverse Modellierung (IIM) daran, die Entwicklung des Lichtbogenschweißens effizienter und somit kostengünstiger zu gestalten. Es ist derzeit die dominierende Fügetechnik in Deutschland, die in nahezu allen Branchen angewendet wird. „Einsparpotenziale eröffnen sich über eine intelligente Datenanalyse“, sagt Kruscha. Bislang sei es in weiten Teilen der Branche üblich, dass Tausende Testschweißnähte gezogen werden. Aus den Parametern ziehen die Anlagenhersteller dann Rückschlüsse, wo ihre Geräte verbessert werden können, damit sie die hohen Anforderungen der Industrie erfüllen. Kruscha hat einen „revolutionär-neuen Ansatz“ entwickelt.

„Aus vergleichsweise wenigen Messungen leiten wir mathematische Gleichungen ab, die das Verbesserungspotenzial von Schweißanlagen genau eingrenzen“, erklärt er. Es sei also nicht mehr nötig, endlos viele Schweißnähte zu ziehen, die Material und Zeit kosten. Das spielt den Herstellern in die Hände, die angesichts kürzerer Produkt-Lebenszyklen um kurze Entwicklungszeiten bemüht sind.

Kruschas Arbeit ist in einem bundesweiten Forschungs-Cluster des DVS eingebettet und wird über drei Jahre mit insgesamt 500 000 Euro finanziert. Mit dem Auftrag hat sich das kleine Lausitzer Team gegen weitaus größere Universitäten durchgesetzt. „Wir haben lange Zeit piano gearbeitet, jetzt sind wir da“, sagt Kruscha.



Bundesweites Interesse

Details seiner Arbeit hatte er erstmals während einer Tagung in Senftenberg vor wenigen Wochen präsentiert. Die Teilnehmerliste war beachtlich, auch wenn das Interesse aus der Lausitz durchaus hätte lebhafter sein können. Neben führenden Schweißanlagenherstellern aus Deutschland und Europa – EWM, Fronius, Cloos – haben Experten aus der Industrie – BMW, Volkswagen, Thyssen-Krupp – und Forschung – RWTH Aachen, Bundeswehr-Unis München, Hamburg – zum Teil lange Wege in Anspruch genommen, um mehr über den neuen Ansatz zu erfahren.

Zum Thema
In Deutschland sind 650 000 Arbeitnehmer direkt oder indirekt mit der Fügetechnik verbunden. Etwa 455 000 Arbeitsplätze davon entfallen auf die Schweißtechnik. Weitere Informationen zum Lichtbogenschweißen gibt es unter www.inverse-modellierung.de

Möglicherweise führen die dort geknüpften Kontakte zu weiteren Projekten. „Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass wir künftig verstärkt Auftragsforschungen direkt für Unternehmen realisieren“, sagt Kruscha. Zumindest personelle Sorgen braucht er sich keine zu machen. Denn jeder seiner drei Wissenschaftler möchte langfristig am IIM-Institut in Senftenberg arbeiten.