Ein Neuanfang in der Lausitz
Ein Brandenburger Wirtschaftskrimi endet mit einem Neuanfang in der Lausitz: Prof. Dr. Karl-Gerd Fritsch, früherer Kopf des einst hoch gehandelten Teltower Biotech-Unternehmens codon AG, will es noch einmal wissen. Mit der Fritsch Biopharm GmbH in Senftenberg (Oberspreewald-Lausitz) will der Wissenschaftler regenerative Medizin profitabel machen. Dafür braucht er einen Reinraum, der die Produktion körpereigener Arzneimittel im großen Stil erlaubt. Der Bauplan dafür liegt in seiner Schreibtischschublade. Gespräche mit potenziellen Investoren gibt es bereits. Für die Umsetzung seines Unternehmenskonzeptes veranschlagt er etwa 40 Millionen Euro.
Der Wissenschaftler musste schließlich selbst erfahren, wie ein erfolgreiches Produkt nicht zur Absprungrampe, sondern zum Stolperstein werden kann. So geschehen bei codon. Die Firma hatte zehn Jahre nach ihrer Gründung und zwei Jahre nach dem Börsengang ein Marktpotenzial von mehreren hundert Millionen Euro, vor allem dank eines völlig neuen Produkts zur Regeneration von Bandscheibenvorfällen. Das allein hatte laut einer internationalen Studie einen Marktwert von 500 Millionen Euro.
Das weckte offensichtlich Begehrlichkeiten. Hinter seinem Rücken kam es nach Angaben von Firmengründer Fritsch zur feindlichen Übernahme. Dagegen wehrte sich der damalige Vorstandsvorsitzende zusammen mit Banken, Anwälten und einem Teil des Aufsichtsrates, der den Ausverkauf der Technologien in die USA befürchtete. Er flog aus dem Vorstand und klagte sich wieder ein. Der Fall beschäftigte die Staatsanwaltschaft und das Landgericht Potsdam. Im Jahr 2003 stieg er freiwillig aus dem Unternehmen aus (die RUNDSCHAU berichtete).
Fritsch war der Kopf von codon. «Heute sind im Übrigen die meisten Drahtzieher aus codon ausgeschieden» , sagt er. All sein Wissen setzt er nun bei Biopharm ein. «Ich bin vom Wettbewerbsverbot befreit und kann alle Produkte herstellen und habe sie bereits weiter- beziehungsweise neu entwickelt.» Mit der Fritsch Biopharm GmbH will er die ganze Bandbreite der regenerativen Medizin – also der biologischen Herstellung von Körpergeweben – anbieten. Das umfasst Knorpel und Knochen genauso wie Bandscheiben, Herzgewebe und andere Organe.
Mit Pilotstudien Marktwert steigern
Um möglichst schnell auf den Markt zu kommen, will Fritsch kleinere Stückzahlen zunächst im Auftrag herstellen lassen. «Dafür gibt es bereits Absprachen.» Spätestens in einem Jahr soll es soweit sein. Ziel sei es, so schnell wie möglich Pilotstudien mit etwa 20 Patienten zu erarbeiten. «Dabei schaffen wir Werte für den internationalen Markt, ohne bereits große Umsätze zu haben» , erklärt er. «Denn wir können mit diesen Studien beweisen, ob ein Produkt funktioniert oder nicht.»
Ein nächster wichtiger Schritt ist der Bau einer eigenen Produktionsstätte. Der Zeitplan ist dafür auf zwei Jahre angelegt. Herzstück des Ganzen soll ein von Fritsch entwickelter neuartiger Reinraum sein. «Der ist wesentlich kostengünstiger und dabei gleichzeitig von viel höherer Qualität» , sagt er. Weitere Details könne er noch nicht nennen. Nur so viel: «Damit kann derzeit keiner konkurrieren.» Wichtig sei dabei die Industrialisierung, die die Produktion großer Mengen individuell hergestellter Arzneimittel erlaube. Genau das gibt es derzeit weltweit noch nicht. Bislang steckt die Produktion körpereigener Gewebe noch im Labor fest. «Ob diese Anlage einmal in der Lausitz stehen wird, kann ich noch nicht beantworten» , sagt der Biochemiker.
Biopharm-Hauptsitz Senftenberg
Aber eines ist sicher: «Senftenberg ist der Hauptsitz von Biopharm. Das wird der Schwerpunkt für Forschung und Entwicklung.» Dabei sei nicht nur das Tissue Engineering – also die Gewebezüchtung – wichtig. «Die technischen Lösungen sind mindestens genauso interessant» , sagt der Unternehmer. In Berlin werden unterdessen das Marketing und der Vertrieb ausgebaut. Zudem will Fritsch mit Biopharm andere Technologien oder Firmen aufkaufen.
Biopharm soll in Zukunft vor allem auch für andere Firmen mitentwickeln. Abhängig vom jeweiligen Produkt kann das von einer 100-prozentigen Eigenherstellung bis hin zu einem 100-prozentigen Auftragswerk variieren, auch für Firmen aus anderen Ländern. «Der Vorteil daran ist, dass es sich ganz gut finanzieren lässt» , erklärt der Chef. Aus der codon-Erfahrung heraus will Fritsch nur noch mit einzelnen Produktfirmen an die Börse gehen, um so die Gefahr zu umgehen, die dazu nötigen Technologien und Patente auch gleich mitzuverkaufen.
«Das ist auch für die Investoren viel interessanter. Denn die Rendite-Chancen sind beim Tissue Engineering viel größer» , sagt Fritsch und führt einen Vergleich an: Die Entwicklung eines herkömmlichen Arzneimittels bis zur Marktreife dauert etwa zwölf Jahre bei Kosten von rund 500 Millionen Euro und einer Anerkennungsquote von gerade einmal 0,2 Prozent. Die Entwicklungsarbeit von Tissue-Engineering-Produkten beträgt bei einem Aufwand von durchschnittlich 50 Millionen Euro dagegen nur etwa fünf Jahre. Und die Wahrscheinlichkeit, dass ein solches Produkt anerkannt wird, liege bei über 80 Prozent.
| Hintergrund Deutsche Biotech-Branche im Aufwind |
| Die deutsche Biotechnologiebranche hat 2005 ihr zweitbestes Finanzierungsergebnis erreicht und damit die Flaute der vergangenen Jahre hinter sich gelassen. Das berichtet das Biotechnologie-Magazin transkript. Demnach flossen den Biotech-Firmen 543,4 Millionen Euro an Wagniskapital- und Börsenfinanzierungen zu. Gegenüber 2005 ist dies ein Anstieg um 21 Prozent. Mehr Kapital wurde nur im Boom-Jahr 2000 investiert. |
Erstellt am: 12. April 2006, 00:00 Uhr
Geändert am: 03. Dezember 2006, 21:19 Uhr
Autor: Von Peggy Kompalla

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