Spinnerei als Inbegriff für moderne Kultur
Im Jahr 1884 entstand im Leipziger Westen eine riesige Fabrikstadt mit einer Baumwollspinnerei, die später die größte Europas werden sollte. Bis zu 4000 Menschen arbeiteten bis zur Wende in den großen roten Backsteingebäuden. Heute ist die Spinnerei der Inbegriff für moderne Kunst geworden. In den vergangenen zwölf Jahren siedelten sich in den historischen Fabrikhallen etwa 80 Künstler der bildenden Kunst, Modedesigner, Galeristen, Handwerker, Architekten und andere Gewerke an.
Auch am vergangenen Wochenende waren wieder Tausende Menschen in der Spinnerei unterwegs – die meisten zum Schauen, einige wenige zum Kaufen. In Scharen zog es die Neugierigen in die Galerie „Eigen + Art“, wo der international bekannte Leipziger Maler Neo Rauch in der Ausstellung „Der Zeitraum“ seine neuesten Werke präsentierte. Die Nachfrage nach Bildern Rauchs sei mittlerweile so groß, dass er kaum noch mit Malen nachkomme, sagt Galerie-Mitarbeiterin Sarah Miltenberger. „Er hat die Malerei wieder auf die Bühne gebracht und die Nachfrage nach Malerei angekurbelt“, fügt sie hinzu. Wer in Kunst-Kauflaune war, wurde allerdings enttäuscht. Alle ausgestellten Bilder Rauchs waren schon verkauft, meist an Museen. Über den Preis seiner Gemälde wird diskret Stillschweigen bewahrt.
Rauch-Atelier in der Spinnerei
Rauch hat wie zahlreiche andere Künstler sein Atelier in der Spinnerei. Wo es genau liegt, will Schultze nicht verraten. Der Geschäftsführer ist stolz auf die Entwicklung des einstigen Fabrikgeländes, wo sich Ende 1992 der erste Künstler unter damals noch sehr abenteuerlichen Bedingungen niedergelassen hatte. Jahr für Jahr zogen dann mehr hochrangige Mieter in die peu à peu sanierten Räumlichkeiten. Seit dem vergangenen Jahr finden sich hier auch alle namhaften Galerien Leipzigs, die zuvor meist in der Innenstadt verstreut waren.
Neben Künstlern und Galeristen sorgen Handwerker, Weinhändler, eine Werbeagentur, eine Porzellanmanufaktur und ein großer Künstlerbedarfshandel für einen ausgewogenen Mietermix in der Spinnerei. „Hier findet man ein Konglomerat internationaler Adressen aus den verschiedensten Bereichen“, berichtet Schultze. „From cotton to culture“ heißt der Werbeslogan, mit dem ständig mehr Mietinteressenten in die einst so schmuddelige kleine Fabrikstadt gelockt werden. Etwa die Hälfte des 80 000-Quadratmeter-Areals sei vermietet, sagt Schultze.
Wartelisten für Mietinteressenten
Mittlerweile, so wird gemunkelt, soll es sogar schon längere Wartelisten geben. Angesichts dieser Situation ist Sandro Porcu froh, dass er sich bereits vor mehr als zehn Jahren für die Spinnerei als Ort zum Leben und Arbeiten entschieden hat. In seinem Atelier entstehen Kunstwerke, die bei den Galerienrundgängen regelmäßig auf großes Interesse des Publikums stoßen. Am vergangenen Wochenende war es ein lebensecht wirkender glatzköpfiger Mann, der auf einem Bein auf einer Säule balancierte. Als Vorbild diente ein Berliner Schauspieler, der Porcu Modell saß. „Das Thema ist der Mensch, der ständig auf der Suche nach seinem Gleichgewicht ist“, erklärt der Künstler, der sich bei dieser Arbeit von seinem Kollegen Rauch beraten ließ.
Ein Stück weiter sorgten Wolfgang Winter und Berthold Hoerbelt mit ihrem überdimensionalen begehbaren und wippenden Kunstwerk „MMK-Museum mit Kisten“ dafür, dass vor allem die Kids ihren Spaß hatten. Wer zu Hause genügend Platz für das gute Stück aus Getränkekisten hat, müsste dafür 85 000 Euro berappen.
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Artikel-Aktualisierungen:
Erstellt am: 13. September 2006, 00:00 Uhr
Geändert am: 03. Dezember 2006, 21:19 Uhr
Autor: Von Susann Huster

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