25. Juli 2006, 00:00 Uhr

Erholung vom Vergessen im Bischof-Benno-Haus

Der Fuß wippt im Takt, die Hände schlagen ungelenk den Rhythmus. Ursula Gilbert scheint bei Georg Friedrich Händels „Wassermusik“ die Welt um sich herum zu vergessen. Nach den letzten Tönen vom Band sinkt sie jedoch in sich zusammen, schaut ins Unendliche.

Ihr Mann Ulrich Gilbert legt behutsam seine Hand in ihre, streicht zärtlich darüber. Eine Geste, die seine „Ulla“ lächeln lässt. Die 78-Jährige leidet an Alzheimer.
Die Dresdnerin und ihr Mann sind an diesem Vormittag nicht die Einzigen, die sich im Seminarhaus des Bischof-Benno-Hauses in Schmochtitz (Landkreis Bautzen) zum Morgenkreis zusammengefunden haben. Neun Demenz- und Alzheimer-Erkrankte und ihre pflegenden Familienmitglieder sitzen hier und stimmen sich auf den Tag ein. Auf dem alten Rittergut nehmen sie an einer Bildungs- und Erholungsfreizeit teil. „Diese Kombination aus Urlaub und Informationen ist deutschlandweit einmalig“, sagt Maria Wenk. Bei der pädagogischen Mitarbeiterin der katholischen Bildungsstätte des Bistums Dresden-Meißen laufen die Fäden für das Freizeitangebot zusammen.
Die Idee für die Bildungs- und Erholungsfreizeit wurde vor sechs Jahren geboren. Die Mitglieder der Bautzener Alzheimer-Selbsthilfegruppe träumten von ein paar Tagen Auszeit, wollten einmal nicht 24 Stunden am Tag in der Pflicht stehen. „Auf der Suche nach Partnern wurden sie bei uns und der AOK Sachsen fündig. Dem ersten Versuch stand nichts mehr im Wege“, sagt Wenk.
Seitdem wird dreimal pro Jahr eine 14-tägige Freizeit in Verbindung mit Weiterbildung über die Krankheit in Schmochtitz angeboten. „Rund 300 Personen nahmen bereits daran teil, die Anfragen kommen aus dem ganzen Land, vielen müssen wir absagen, weil die Kapazitäten nicht ausreichen“, sagt Koordinatorin Wenk. Längst unterstützen Pflegedienste, die Sozialstation der Diakonie Bautzen, die Diakonissenanstalt Emmaus Niesky, die Alzheimer Gesellschaft Dresden und zahlreiche ehrenamtliche Helfer das Angebot.
Die Alzheimer-Krankheit verändert die Menschen. Oft treten starke Stimmungsschwankungen auf, Depressionen und Realitätsverlust sind nur einige Symptome. „Meine Frau erkennt mich nicht mal mehr “, erzählt der 80-jährige Ulrich Gilbert. Umso schwerer ist es für die Umwelt, auf diese Krankheit zu reagieren, wie die 67-jährige Inge Petter aus eigener Erfahrung weiß. Ihr Mann leidet seit 1999 an Demenz. „Auf einmal konnte er sich nicht mehr konzentrieren, war orientierungslos“, erinnert sie sich. Die gelernte Funkmechanikerin übernahm die Pflege, viele Freunde zogen sich zurück. Die Krankheit ihres Mannes Siegfried machte die Dresdnerin einsam.
In Schmochtitz ist dieses Gefühl von Alleingelassensein wie weggeblasen. „Alle haben die gleichen Probleme, hier brauchen wir uns nicht zu schämen und können mal Urlaub machen“, sagt Inge Petter. Neben Gesprächen, unter anderem zu neuen Forschungsergebnissen über die Krankheit, gibt es Theaterbesuche, Stadtrundgänge und Badeausflüge. Auf die Alzheimer-Kranken warten ergotherapeutische Angebote.
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Erstellt am: 25. Juli 2006, 00:00 Uhr
Geändert am: 03. Dezember 2006, 21:19 Uhr
Autor: Von Miriam Schönbach

Von Miriam Schönbach

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