28. August 2010, 00:00 Uhr

Ein Gutsherr aus Westfalen im Spreewald

Neue Serie Grenzgänger – 20 Jahre nach der Wende / Heute: Sascha Philipp leitet einen der größten Bio-Landhöfe in der Region

Pretschen. Von Westfalen in den Spreewald: Als Sascha Philipp mit gerade einmal 27 Jahren den schlecht laufenden Landwirtschaftsbetrieb in Pretschen (Dahme-Spreewald) übernahm, begegnete ihm jede Menge Misstrauen. Seine Bio-Anbauweise sorgte selbst in der eigenen Belegschaft für Diskussionen. Heute, elf Jahre später, sind seine Produkte weit über die Region hinaus bekannt.

Diese Kuh ist Bio: Rund 600 Rinder hält Landwirt Sascha Philipp auf seinem Landgut. Foto: M. Schulz Foto: M. Schulz
Die Stallanlagen des Landguts liegen außerhalb des 350-Seelen-Dorfes. Den Gebäuden würde ein neuer Anstrich gut tun, doch die Rinder darin fühlen sich offenbar wohl: Sie können sich frei bewegen. Direkt vor dem Stall wird gerade saftig grünes Gras aufgeschüttet. Ein großer, hagerer Mann mit schütterem Haar und schmaler Brille steht daneben. Der 38-jährige Westfale, der nicht unbedingt dem landläufigen Bild eines Bauern entspricht, ist seit 1999 der Besitzer des Landguts Pretschen: Landwirt Sascha Philipp aus Wetter an der Ruhr.

Längst sind die Produkte seines Betriebes etabliert und finden in der Region viele Abnehmer - egal ob Gemüse, Milch oder Fleisch. Der Bio-Chicorée wird sogar bundesweit verkauft. In diesem Bereich zählt das Landgut im Spreewald zu den größten Produzenten Deutschlands.

Der Spreewald war für Sascha Philipp fast wie Liebe auf den ersten Blick - wenn auch mit einem ruppigen Start. »Der Fuchs ist schlau und stellt sich dumm, beim Wessi ist es andersrum«, sei einer der ersten Sätze gewesen, die er dort zu hören bekam, erinnert er sich. Das war Mitte der 1990er-Jahre in Ogrosen (Oberspreewald-Lausitz). Der Spruch fiel an seinem ersten Tag als Praktikant in einem Bio-Betrieb; Sascha Philipp war zum ersten Mal überhaupt in Ostdeutschland. Doch er lachte nur darüber, und bald darauf hatte er sich bereits den Respekt der einheimischen Kollegen erarbeitet. Damals fasste der Student der Agrarwissenschaften in Bonn den Entschluss, in den Spreewald überzusiedeln, um dort einen eigenen Landwirtschaftsbetrieb zu führen. »Bei uns in Westfalen war alles fertig gewesen. Hier im Osten allerdings konnte man noch etwas aufbauen, selbst mit anpacken«, blickt er zurück.

Von der Ruhr in den Osten

Aber ohne den Einsatz seiner Eltern wäre es beinahe nur ein Plan geblieben. Sascha Philipp: »Welche Bank hätte mir als Mitte 20-Jährigen damals das Geld dafür leihen sollen?« Seine Eltern bewirtschafteten seit 1983 einen Pachtbetrieb in Wetter an der Ruhr und schlugen ihm vor, mit in den Osten zu gehen. Wohlgemerkt in eine ihnen unbekannte Gegend und das im Alter von bereits über 50 Jahren.

Bei einer Versteigerung erwarb die Familie das Landgut Pretschen. »Ein Ladenhüter«, sagt Sascha Philipp. Die Treuhand erhielt den Betrieb seit der Wende am Leben. »Zehn Jahre lang wurde in die Anlagen nichts investiert«, berichtet der Landwirt. »Das ist ihnen noch heute von außen anzusehen.«

Die Pretschener gaben den Neuankömmlingen im Frühjahr 1999 einen freundlichen Empfang. »Beim Zamper-Fest wurden wir von der Bühne aus begrüßt. Mit ,Und hier sind unsere neuen Gutsherren' stellten sie uns vor«, erzählt er. Doch immer wieder bemerkte er in der Anfangszeit auch Misstrauen bei den Menschen. Auch unter den übernommenen 24 Angestellten gab es Diskussionen - vor allem über die von ihm neu eingeführte biologische Anbauweise. Der kurz darauf einsetzende Bio-Boom gab Sascha Philipp letzten Endes recht. »Dass es auf einmal Menschen gab, die unsere Produkte kauften, weil ,Landgut Pretschen' auf dem Etikett stand - das war für viele Mitarbeiter ein Schlüsselerlebnis und identifikationsstiftend«, erklärt er.

In der Mitte angekommen

Die anderen Dorfbewohner entdeckten dann im Jahr 2004 das Landgut für sich. Das Gelände diente als Dreh- und Angelpunkt der Feier zu Pretschens 1000-jährigem Bestehen. »Damit waren wir in der Mitte der Dorfgemeinschaft angekommen«, sagt Sascha Philipp.

Mittlerweile dürfte der Besitzer des Landgutes für die meisten Pretschener nicht mehr wegzudenken sein. Vor zwei Jahren wählten sie ihren »Gutsherren« sogar in den Ortsbeirat.

Zum Thema:
Michael Schulz (28) wurde in Prenzlau (Uckermark) geboren. Er studierte Literaturwissenschaft an der Technischen Universität in Berlin. Seit Oktober 2008 ist er Volontär bei der RUNDSCHAU. Derzeit arbeitet er in der Mantelredaktion in Cottbus.
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Erstellt am: 28. August 2010, 00:00 Uhr
Geändert am: 13. September 2010, 12:00 Uhr
Autor: Von Michael Schulz

Von Michael Schulz

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