Leserfrage:
Sehr geehrte Redaktion,
seit einiger Zeit hat es sich in Presse, Fernsehen und Rundfunk eingebürgert, dass vergangene Ereignisse mit dem schlichten Präsens gemeldet werden. Der Präsens drückt in der deutschen Sprache eine gegenwärtige oder ggf. – im Zusammemhang mit einem zeitlichen Hinweis- auch zukünftige Handlungen oder Ereignisse aus, aber nicht ein bereits zurückliegendes Ereignis.
Besonders befremdet es mich, wenn – wie heute oft gemeldet – Todesfälle oder auch Unfälle „vorausgesagt“ werden; das sieht dann so zum Beispiel aus wie am 18. November 2020 auf Seite 9 im Cottbuser Lokalteil der LR: „In Cottbus und Spree-Neiße sterben jeweils drei Patienten“ (Link zum ePaper-Artikel, die Red.). Beim Lesen schaudert es mich im ersten Moment, und letztlich befremdet es mich. Warum schreiben Sie nicht: „es starben drei Patienten“? Das ist nicht länger und bildet das Geschehene ab.
Ich wüsste gern, warum die Medien für vergangene Ereignisse das Präsens nutzen, obwohl wir in der deutschen Sprache sinnvollere Zeitformen für Vergangenes (Präteritum oder Perfekt) haben.
Mit freundlichen Grüßen
Karl Fisher, Cottbus
Antwort der Redaktion:
Sehr geehrter Herr Fisher,
vielen Dank für Ihre Mail. Ich freue mich über Ihre spannende Frage. Das Präsens beschreibt in der Überschrift (und manchmal – wie in diesem Fall – auch im Vorspann eines Artikels) den Zustand zum Zeitpunkt des Geschehens. So sollen Leser näher an das Geschehen herangeführt werden.
Es handelt sich also um einen Kniff der Journalisten. Im Fall des Ablebens von Menschen klingt das für manche ungewöhnlich. Richtig ist natürlich, dass die Menschen zum Zeitpunkt des Schreibens – leider – bereits tot waren. Es ist diskussionswürdig, ob die publizistische Absicht, nämlich das Publikum neugierig auf ein Thema zu machen, weil das Präsens eine Nähe zum Ereignis herstellt, hier angebracht ist. Darüber streiten auch Kollegen im Journalismus. Ich persönlich bevorzuge in diesem Fall Perfekt, bin aber auch mit dem Präsens wie in der LR-Meldung einverstanden.
Wir können messen, ob bestimmte Überschriften beim Publikum funktionieren. Das gilt für Online-Artikel wie für ePaper-Artikel; bei der Zeitungslektüre gibt es dazu technisch gestützte Untersuchungen. Die Ergebnisse belegen, dass Überschriften, die aktiv, im Präsens oder Perfekt verfasst sind, überwiegend besser funktionieren. Deswegen halten es die Lausitzer Rundschau und andere Medien so.
Freundliche Grüße
Oliver Haustein-Teßmer, Chefredakteur