Stellen Sie sich vor, Ihr notwendiger Lebensunterhalt wäre abgesichert – einfach so. Weil Sie ein Mensch sind.
Immer wenn ich dies in einer Diskussionsrunde sage, fangen die Augen der Zuhörenden zu leuchten an. Man spürt, wie die Gedanken kreisen: Was wollte ich schon immer tun, weil es mich interessiert, weil ich es als notwendig ansehe? Was würde ich lieber nicht mehr tun, was ich heute nur aus Gründen des leidigen Gelderwerbs oder wegen finanzieller Abhängigkeit tun muss?

Studien widerlegen Vorstellung vom faulen Menschen

Studien und Befragungen widerlegen, dass Menschen, wenn sie abgesichert sind, nichts tun würden. Viele würden ihre Erwerbsarbeitszeit verkürzen oder müssten aus Geldsorgen nicht länger erwerbsarbeiten als bisher, weil das Grundeinkommen schon einen Teil des Lebensstandards sichert.
Viele Erwerbslose könnten sich mit Arbeitszeit-Verkürzern nach entsprechender Qualifizierung den Job teilen. Angst vor existenzieller Not, vor Strukturveränderungen in der Region und vor dem Gang zum Jobcenter gehörten der Vergangenheit an. Bisher Einkommensarme könnten sich eine gesunde Ernährung und den teureren energiesparenden Kühlschrank leisten.
Die Menschen blickten optimistischer in die Zukunft. Das zeigen die Befragungen derjenigen, die ein Jahr bei Mein Grundeinkommen eine bedingungslose Geldleistung gewannen. Das zeigen auch die Resultate des finnischen Experiments.

Grundeinkommen durch Umverteilung von Reichen finanzierbar

Aber das ist doch nicht zu finanzieren? Doch, ist es – wenn man von den Reichen und sehr Vermögenden zu den mittleren und unteren Einkommensschichten umverteilt. Selbst ein sofortiges Krisen-Grundeinkommen wäre finanzierbar, wenn man die hohen Vermögen, die sogar noch von der Corona-Krise profitieren, zur Finanzierung heranziehen würde.
Wer eine solche Umverteilung nicht will, und wer nicht will, dass die Menschen mehr Zeit und Kraft durch eine bedingungslose materielle Absicherung für Selbstbestimmung, für erpressungsfreie demokratische Gestaltung der Gesellschaft und der Produktion haben, der ist gegen das Grundeinkommen.
Denn es geht um eine Beförderung der Selbstermächtigung und Solidarität von Menschen. Davor haben einige an den Schalthebeln der Macht Angst. Es gibt aber noch ein anderes Problem: „Dieser Herr X, diese Frau Y – nee, die kriegen kein BGE. Die können nicht ordentlich damit umgehen.“
So wird das Grundeinkommen dann abgelehnt, statt es uns allen und damit auch sich selbst zu gönnen. Das ist schade. Ist doch das Grundeinkommen ein Menschenrecht, das jeder und jedem zusteht – bedingungslos. Wie eben jede und jeder ein Recht auf Bildung, auf angemessene Gesundheitsversorgung und auf demokratische Teilhabe hat. Wer angeblich mit seinem Wahlrecht nicht „ordentlich“ umgeht, dem können wir noch lange nicht das Wahlrecht aberkennen.

Gutes Leben für alle: Grundeinkommen als Menschenrecht

Weil das Grundeinkommen ein Menschenrecht ist, haben sich Aktivistinnen und Aktivisten, Netzwerke, Organisationen und Parteien in allen EU-Staaten aufgemacht. Sie wollen mit der Europäischen Bürgerinitiative zu bedingungslosen Grundeinkommen erreichen, dass den Lippenbekenntnissen der EU-Gremien zu Grundeinkommen endlich Taten folgen. In Deutschland unterstützen inzwischen 26 Initiativen, Organisationen und Parteien diese Bürgerinitiative.
Die Unterzeichnung der Bürgerinitiative durch viele Bürgerinnen und Bürger ist notwendig, damit sie erfolgreich ist. Für die Lausitz wäre es gut, denn es geht um die Stärkung der regionalen Wirtschaft und Beseitigung regionaler Ungleichheiten in der EU.
Der Charme der Grundeinkommensidee besteht darin, Diskussionen über unser Zusammenleben, über das notwendigerweise zu Tuende und zu Lassende, über mein Leben, über gesellschaftliche (Macht-)Verhältnisse zu eröffnen. Lassen wir der Lust auf ein gutes Leben den Freiraum, die sie benötigt. Das Grundeinkommen ist ein Mittel – neben anderen, um allen ein gutes Leben zu ermöglichen.
Ronald Blaschke
Ronald Blaschke
© Foto: Foto: Fiona Krakenbürger

Zur Person


Ronald Blaschke ist Mitgründer des deutschen Netzwerks Grundeinkommen und des europäischen Netzwerks, Herausgeber mehrerer Bücher und Autor von Beiträgen zum Grundeinkommen. Die Europäische Bürgerinitiative kann  unterzeichnet werden auf: www.ebi-grundeinkommen.de