Heimatfilmkulisse. Majestetisch liegt das im 16. Jahrhundert errichtete Wasserschloss Klaffenbach in den grünen Auen an der Würschnitz. Ein ideales Revier für Reiter. Anett Heinig lässt es sich trotz der vielen Arbeit nicht nehmen, ab und zu auszureiten. Hier kennt sie jeden Strauch und jeden Stein, genau wie ihr Lieblingspferd Elyse. Für den prächtigen pechschwarzen Rappen ist das ungewöhnlich. Denn das heute zehnjährige Tier verlor durch die Mondkrankheit sein Augenlicht. Seitdem sind das blinde Pferd und die Reiterin mit Durchblick erst recht ein Herz und eine Seele. Beide ergeben sich nicht ihrem Schicksal, sondern kämpfen. Elyse schärfte Gehör und Orientierungssinn, um weiter durchs (Tier-)Leben zu kommen. Und die 1,65 Meter kleine junge Frau steckt ihre ganze Kraft in den großen Reiterhof, den sie seit über einem Jahr allein führen muss.
Das war so nicht geplant. Nach der Wende hörte mein Vater, dass die Gemeinde das Wasserschloss aus dem Dornröschenschlaf holen möchte, erinnert sich die einzige Tochter. Jahrelang schufteten die Heinigs Tag und Nacht und errichteten auf der grünen Wiese neben dem inzwischen rekonstruierten Renaissanceschloss eine Reithalle, einen großen Stall für über 30 Pferde sowie ein Café und zwei Wohnungen. So ganz nebenbei machte die gelernte Landschaftsgärtnerin noch ihre Pferdewirtschaftsmeisterin in Zucht und Haltung.
Die Aufgaben waren verteilt. Vater Heinig kümmerte sich um die Hengstaufzucht, um das Futter und alle technischen Details. Mutter Heinig betreibt das Café. Tochter Anett gibt u. a. Reitunterricht und organisiert Kutschfahrten sowie Hoffeste. Und in Vorbereitung einer Feier passierte das Unfassbare. Mein Vater säuberte die Lichtkanäle auf dem Dach der Reithalle. Dabei tat er einen falschen Schritt und stürzte mehrere Meter in die Tiefe, erzählt Anett Heinig. Am nächsten Tag starb der 66-Jährige.
Plötzlich mussten Mutter und Tochter allein den Hof betreiben. Noch unter Schock stehend, lösten sie schon in der nächsten Nacht eine schwierige Aufgabe. Elf Tage vor dem Termin bekam eine unserer Stuten ein Fohlen, denkt sie zurück. Die beiden Frauen meisterten die Geburt. Sie sahen sie als Zeichen für neues Leben auf dem Hof an und nannten das Fohlen deshalb hoffnungsfroh Sunshine.
Zeit, die Trauer auszuleben, bleibt ihnen wenig. Ab fünf Uhr morgens ist Anett Heinig auf den Beinen, um den Pferdehof und die dazu gehörigen 20 Hektar Felder zu bewirtschaften. Ohne zu jammern. Es bringt doch nichts, ständig zu klagen. Das Leben muss weiter gehen, meint die Kämpfernatur. Ein fester Partner an ihrer Seite fehlt der Mutter einer zwölfjährigen Tochter noch. Aber er darf kein Weichei sein und er muss Pferde lieben, sagt sie bestimmt.