Die Görlitzer Ärztin Carola Andrick war für Ärzte ohne Grenzen unter anderem in Mali tätig. Foto: Carola Andrick Foto: Carola Andrick
Was sich so leicht dahersagt, geschieht in der Praxis unter teils unvorstellbar schwierigen Bedingungen. „Eine gewisse Portion Abenteuerlust gehört dazu, wenn man für Ärzte ohne Grenzen tätig werden will“, sagt Dr. Carola Andrick. Nach ihrer Motivation für die oft entbehrungsreichen Einsätze befragt, erklärt die Anästhesistin und Intensivmedizinerin: „Neben dem Wunsch zu helfen ist es auch die Möglichkeit, den eigentlichen Sinn des Arztberufes zu erfahren.“ Im Gegensatz zu Deutschland, wo es oft nur darum gehe „Wehwehchen“ zu kurieren, sei die ärztliche Hilfe in Ländern wie Mali oder Haiti fast immer mit der Rettung von Menschenleben verbunden. „Das ist echte Notfallmedizin“, sagt Carola Andrick.

Für die Görlitzer Ärztin stand bereits früh fest, dass sie „dort helfen will, wo Hilfe wirklich benötigt wird.“ So schloss sich an ihre Ausbildung als Anästhesistin ein vierjähriger Aufenthalt in Uganda an, wo sie für den Deutschen Entwicklungsdienst arbeitete. „So lange am Stück möchte ich heute nicht mehr weggehen“, bekennt sie. Nach ihrer Rückkehr 2003 qualifizierte sich Carola Andrick in Neubrandenburg als Intensivmedizinerin, bevor sie 2008 an das Städtische Klinikum Görlitz zurückkehrte. Dort ist sie heute Oberärztin – ließ sich aber sofort die Möglichkeit in ihrem Anstellungsvertrag festschreiben, zwei Monate im Jahr für Ärzte ohne Grenzen zu arbeiten.

Ihr erster Einsatz führte Carola Andrick nach Mali, „eines der ärmsten Länder, die es überhaupt gibt.“ Hier half Ärzte ohne Grenzen Frauen, die nach der Schwangerschaft unter Fisteln litten – „das sind Verbindungsgänge zwischen Vagina, Blase und/oder Darm, die während einer schweren Geburt entstehen und durch die Stuhl und Urin unkontrolliert abfließen.“ Neben der schweren gesundheitlichen Beeinträchtigung bedeutet dies auch ein gesellschaftliches Stigma für die betroffene Frau, die oft von ihrer Familie verstoßen wird.

„In Europa sind solche Probleme unbekannt, da sie sich schon durch einfachste Vorsorge während der Schwangerschaft vermeiden lassen. Gerade an dieser fehlt es jedoch in Mali komplett“, weiß Carola Andrick.

Die Görlitzer Medizinerin arbeitete in einem Team aus mehreren Spezialisten. „Ich war für die Vor- und Nachbetreuung sowie die Narkose zuständig.“ In Haiti handelte es sich um einen Hilfseinsatz nach der Erdbebenkatastrophe von 2010. Zunächst behandelten die internationalen Ärzteteams Verletzungen, die unmittelbare Folge von Verschüttungen waren. „Doch später kamen dann auch Schussverletzungen dazu“, erinnert sich die Anästhesistin.

Banden nutzten die Gunst der Stunde und die herrschende Anarchie, um plündernd durch die Straßen zu ziehen. In dieser Situation kam eines der grundlegenden Prinzipien zum Tragen, nach denen Ärzte ohne Grenzen arbeitet: „Wir helfen jedem, der Hilfe benötigt – ganz gleich, ob es sich um ein Opfer oder um das Mitglied einer rivalisierenden Bande handelt.“

Selbiges gilt auch in Kriegsregionen, wo keine Unterschiede zwischen Angehörigen der verschiedenen Parteien gemacht werden – Ausdruck der absoluten Neutralität und Überparteilichkeit, der sich Ärzte ohne Grenzen verpflichtet fühlt.

Was Carola Andrick an der Arbeitsweise der Organisation auch begeistert, ist die „absolut perfekte Logistik“. Im Handumdrehen entstehen in abgelegensten Gebieten kleine Versorgungszentren, in denen die unterschiedlichen Spezialisten Hand in Hand arbeiten.

Neben den Ärzten gehören auch Baufachleute und Techniker zu den Teams – „schließlich geht es dabei um so elementare Dinge wie die Wasseraufbereitung oder Stromversorgung.“ Die Bedingungen für die Mediziner sind einfach, aber doch so, dass professionelle Arbeit möglich ist. „Wir müssen uns eben mehr als in Deutschland auf unsere eigenen Augen, Ohren und Hände verlassen“, erklärt Carola Andrick. „Doch ich kann mich voll auf meine Arbeit konzentrieren und muss mich um nichts anderes kümmern.“

Natürlich führen die Einsätze in den Krisenregionen der Welt auch an psychische Grenzen. „Wir erleben unglaubliche Not – beispielsweise eine schwangere 30-jährige Frau, die bei dem Erdbeben zusammen mit zwei ihrer Kinder verschüttet worden war, wobei die Kinder ums Leben kamen.“ Die Unterschenkel mussten amputiert werden, dann erlitt die Patientin noch eine Lungenentzündung und verlor ihr ungeborenes Kind. „Diese Frau begleitete mich während der ganzen Zeit meines Einsatzes in Haiti. Am Ende verabschiedeten wir uns unter Tränen. Was aus ihr geworden ist, weiß ich nicht.“

Neben dem Elend erleben die Helfer tiefe Dankbarkeit, eine Erfahrung, die in den Herkunftsländern der meisten Mediziner rar geworden ist. „Das gibt die erforderliche Balance, um mit all den Belastungen fertig zu werden“, erklärt Carola Andrick. Und so fiebert sie schon jetzt ihrem nächsten Einsatz entgegen, der im März und April stattfinden soll. Wohin es geht weiß die Medizinerin noch nicht: „Mein Wunsch wäre Afrika.“

Mehr Informationen unter www.aerzte-ohne-grenzen.de/

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Ihrem nächsten Einsatz für Ärzte ohne Grenzen fiebert Carola Andrick schon entgegen. Wohin es geht, weiß sie noch nicht. Foto: ume1 Foto: ume1