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Brandenburg

Mozart hätte schlechte Karten

Familie N. sitzt auf gepackten Koffern. Sie verlässt die Stadt am See im Süden Brandenburgs. Für den fünfjährigen Sohn finden die Eltern keine angemessene Grundschule. Ab August wird er deshalb die BIP Kreativitätsschule in Dresden besuchen. «Es fällt mir nicht leicht, die Stadt zu verlassen» , sagt Mama Silvia* wehmütig. «Aber das ist es mir wert.» Hochbegabte Kinder haben es schwer in der Lausitz. Nicht nur im Kindergartenalltag (die RUNDSCHAU berichtete), auch wenn sie in die Schule gehen sollen.

20.07.2007
Eigentlich wollte Silvia den Jungen in der Brandenburger Lausitz einschulen. Doch sie fand keine Schule, die den Jungen so nahm, wie er ist. «Der Junge gehört höchstens in die erste Klasse» , hieß es nur. Vom Alter her mag das stimmen. Paul* ist nach brandenburgischem Schulgesetz gerade so für die Einschulung reif. Doch mit seinem Wissen und Können steht Paul, so belegt es eine Lernstandsanalyse, am Ende der zweiten/Anfang der dritten Klasse. Sein Intelligenzquotient lag beim Test, als er dreieinhalb Jahre alt war, bei 130 Prozent. In der ersten Klasse also würde er sich unterfordert langweilen, zum Klassenclown werden oder sich deprimiert zurückziehen. In der Dresdner Schule, die ihr Konzept in der Abkürzung BIP – Begabung, Intelligenz und Persönlichkeit – benennt, aber wird er, so hoffen es seine Eltern, individuell und ganzheitlich gefördert. Silvia wird dafür täglich von Dresden zurück in ihren Südbrandenburger Arbeitsort pendeln.

Berufe für die Kinder aufgegeben
Für Bianca Schröder aus Neupeters hain ist das keine Alternative. Sie kann sich für ihre Kinder so eine Privatschule nicht leisten. Um ganz für den Jungen und die beiden Mädchen da sein zu können, haben sie und der Vater der Kinder die gut bezahlten Tätigkeiten als Maschinenbauingenieurin bzw. Diplombauingenieur aufgegeben. «Meine Kinder sind krank geworden, weil sie die ständige Unterforderung – verbunden mit bewusst gewordenem Anderssein – nicht verkraftet haben» , berichtet Bianca Schröder verzweifelt. Alicius (10) «hatte zu nichts mehr Lust, wurde aggressiv, fühlte sich ausgeschlossen.» Bernicia (8) bekam spürbar psychische Probleme, begann plötzlich vor Angst, in die Schule zu müssen, einzunässen. «Sie konnte mit einem Male einfachste Dinge nicht mehr, zog sich völlig zurück – wie ein erwachsener Depressiver» , berichtet die Mutter betroffen. Schließlich begannen die Eltern ihre Kinder zu Hause zu unterrichten. Das aber ist illegal. Denn ihr Antrag auf Hausunterricht ist vom Schulamt abgelehnt worden. Lediglich individuelle Physik- und Informatikstunden bei einem Lehrer des Cottbuser Steenbeck-Gymnasiums und eine Mathematik-Arbeitsgemeinschaft wurden, nachdem sich die Eltern darum bemüht hatten, dem Jungen zugestanden. «Das tut ihm auch sehr gut» , spürt die Mutter, aber das allein reichte nicht. «Alicius hat eine völlig andere Art, sich Wissen zu erschließen und zu denken» , versucht sie die Lernmethodik zu erklären. «Ich habe lange gebraucht, dahinter zu kommen.» So hat er sich beispielsweise das Programmieren in vielen Programmiersprachen selbst beigebracht, indem er sich einfache Übungsprogramme aus dem Internet heruntergeladen, analysiert und sich so die Struktur erarbeitet hat. Dabei ist Alicius mit seinen 136 Prozent IQ (Intelligenzquotient) längst nicht auf allen Gebieten ein Überflieger. «Das Problem hochbegabter Kinder ist es meist, dass sie zwar geistig einige Jahre weiter sind, aber motorisch und oft auch emotional ihre Schwierigkeiten haben.» Bei Alicius heißt das konkret: Die Prüfungen zur Aufnahme in die siebente Klasse des Steenbeck-Gymnasium schaffte er nicht in der vorgegebenen Zeit. Für Schulleiter Andreas Käßner ein klarer Fall: abgelehnt. Bianca Schröder sieht das anders: Alicius hat zwar inhaltlich kein Problem mit den Aufgaben für Ältere, ist aber nicht so schnell im Schreiben wie die größeren Kinder. Ein Konflikt, der sich mit dem herkömmlichen Schulangebot nur schwer lösen lässt. Begabtenklassen, auf die die Brandenburger Bildungspolitik setzt, sind für hochbegabte Kinder selten hilfreich.

Eltern finden selten Rat
Vor allem, weil die sogenannten Schnellläufer erst ab der fünften Klasse gefördert werden. Bis dahin gehen Familien oft einen Leidensweg. Eltern finden selten Rat, werden gern als überehrgeizige «Eislaufmütter» abgetan, die nicht vorhandene Begabungen in ihren Kinder sehen wollen. Bianca Schröder steckt mitten in den Widrigkeiten, die ihr auch Behörden bereiten: Sogar Kindeswohlgefährdung sei ihr unterstellt worden. Dabei geht es ihr gerade um das Wohl der Kinder. Sie fährt die Kinder zur Musikschule und zum Judoverein nach Spremberg, lässt ihnen Malunterricht in Altdöbern geben, bringt sie nach Cottbus zur Mathe- und nach Hoyerswerda zur Mechatrinik-Arbeitsgemeinschaft. Isoliert und ohne Kontakt – wie oft hochbegabten Einzelgängern nachgesagt – sind Alicius und seine Schwester jedenfalls nicht. Weil aber für Schröders der Umzug in eine Stadt mit speziellen Angeboten wie der BIP-Kreativitätsschule nicht infrage kommt, bräuchten sie eine auf sie zugeschnittene Schulbildung.
Nach anfänglicher Ablehnung darf der zehnjährige Alicius mit Beginn des neuen Schuljahres nun doch auf Probe in die siebente Klasse ins mathematisch naturwissenschaftlich orientierte Steenbeck-Gymnasium nach Cottbus. Ob juristischer und öffentlicher Druck dabei geholfen haben, sei dahingestellt. Die Eltern glauben, dass das für Alicius die beste Förderung ist, «auch wenn es Fächer wie Geschichte oder Geografie geben wird, in denen er vielleicht nur Vieren anbringt.» Die Defizite wollen sie in der Familie ausgleichen, «aber in seinen Stärken wird er dann gefordert und gefördert» .

Kinder geben irgendwann auf
Jana K.* freut sich mit den Schröders. Sie hatte in ihrer Familie erfahren, was es bedeutet, wenn Hochbegabte auf ihrem Weg eher Ablehnung statt Hilfe erfahren. «Bei meiner Tochter kam es jetzt zum Crash» , berichtet sie traurig. Die 18-Jährige hatte einen psychischen Zusammenbruch und ist völlig verunsichert. Sie hat ihr Selbstvertrauen verloren. «Die Kinder geben irgendwann auf, sie wollen dazugehören, zeigen nicht, was sie können, rutschen ab» , meint Jana K. «Mozart hätte hierzulande schlechte Karten» , sagt sie.
Renate Gehre will das ändern. Die engagierte Lehrerin und Sonderpädagogin, die sich in mehreren Studien auf dieses Fachgebiet spezialisiert hat, hat den Verein «Die Aufgeweckten» in Freienhufen (Oberspreewald-Lausitz-Kreis) mit aus der Taufe gehoben und im Bürgerhaus eine Heimstatt gefunden. Sie will Kindergärtnerinnen und Grundschullehrer sensibilisieren, hochbegabte Kinder zu erkennen und zu fördern. «Meist werden die Kinder durch Verhaltensauffälligkeiten abgestempelt» , weiß sie aus Erfahrung. «Es braucht viel Sensibilität, damit Hochbegabte die gleichen Chancen bekommen wie alle Kinder.
„Hochbegabung ist die schönste Form der Behinderung» , weiß sie und hat einen Traum. Der spielt von einer (staatlichen) Schulform, in der Kinder unterschiedlicher Fähigkeiten und Begabungen miteinander lernen und jedes individuell gefördert und gefordert wird. «Dazu muss Schule durchlässig sein.» Klassenstufen nicht starr, Fächer nicht einfach abgegrenzt. Jedes Kind könnte so lange arbeiten, bis es eine neue Stufe erreicht. «Das Modell ist realistisch» , weiß sie.
*Namen von der Redaktion geändert.
Von Heidrun Seidel
 
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