31. August 2011, 00:00 Uhr

Experte sieht Braunkohleverstromumg als Auslaufmodell

Leiter des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung Schellnhuber fordert raschen Ausstieg / Viertes Treffen mit Landesregierung

Potsdam Der Klimaexperte Hans-Joachim Schellnhuber hat bei einem Treffen mit der Landesregierung zum Ausstieg aus der Braunkohleverstromung aufgerufen. Gleichzeitig mahnte der Potsdamer Wissenschaftler zu mehr Innovationen bei Energietechnologien.

Für den Klimaexperten Hans-Joachim Schellnhuber haben Tagebaue und Kraftwerke wie in Jänschwalde keine Zukunft. Foto: dpa Foto: dpa
Das vierte Zusammentreffen der Potsdamer Klimawissenschaftler und der Landesregierung wurde zur Stunde der Wahrheit. Nach dem Scheitern der Pläne der rot-roten Koalition zur klimaverträglichen Speicherung von Klimagasen war diesmal offenkundig, dass die weitere Nutzung der Braunkohlevorräte in der Lausitz und die von der Wissenschaft als notwendig erachtete Begrenzung des Ausstoßes von solchen Gasen nicht mehr zu vereinbaren sind.

So bemühte sich der Leiter des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Hans Joachim Schellnhuber, vor Journalisten zunächst und noch in Anwesenheit von Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) darum, den Konflikt mit einem Ausflug ins Reich der zwar nicht allzu realistischen, aber denkbaren „Träume“. Der Wunsch, das in der Lausitz abgeschiedene CO dann jenseits der Grenzen in Polen unterzubringen gehört genauso wie die von Platzeck wie Schellnhuber beschriebene Vision einer sinnvollen Nutzung der Gasmengen dazu. Diese Visionen, die derzeit weder rechtlich und politisch, noch technologisch absehbar ist, nahm in den Gesprächen zwischen den Klimaforschern und der Potsdamer Landespolitik offenbar breiten Raum ein.

Platzeck verwies darauf, dass im Rahmen des Ausbaus europäischer Gaspipelines auch eine Verbindung nach Szczecin (Stettin) vorgesehen sei. Und Schellnhuber schilderte ausführlich die Möglichkeiten, die sich eines Tages mit der Nutzung von CO ergeben könnten.

Was die konkrete Zukunft der Lausitz betreffe, so stehe man vor einem „Dilemma“, so Schellnhuber. Dies sei allerdings kein einmaliger Vorgang und auch andere Regionen hätten dergleichen erlebt. Den erkennbaren Nachteilen bei der Einstellung des Braunkohleabbaus stünden allerdings auch Chancen und Vorteile gegenüber.

Er verkenne aber nicht, dass sich die Region „in einem kritischen Zustand befindet“. Die schlimmsten Auswirkungen beim Verzicht auf die Braunkohle sieht der Wissenschaftler allerdings weniger in den wegfallenden Lausitzer Arbeitsplätzen als vielmehr im Verlust von Einnahmen für die Steuerkassen.

Platzeck wiederum sagte, es gebe ja längst den von vielen Kritikern seiner Politik geforderten „Plan B“ für die Lausitz und dafür gebe es auch „maximale Bemühungen“. Der Ministerpräsident sieht sie zunächst in der weiteren intensiven Förderung des Ausbaus der erneuerbaren Energie. Dann verwies er darauf, dass in der Niederlausitz gerade eine Seenlandschaft entstünde, die einmalig sei. Der Potsdamer Regierungschef hält es derzeit auch noch nicht für völlig ausgeschlossen, dass sich die weitere Braunkohleverstromung für Vattenfall doch noch rechnet, wenn das Unternehmen darauf spekulieren kann, eines Tages das bei der Abscheidung gewonnene CO entweder zu nutzen oder im europäischen Ausland unterzubringen. Länder wie Norwegen seien an großen Gasmengen interessiert und hätten entsprechende Speicherkapazitäten. Das aber, so betonte Platzeck mehrfach, seien Entscheidungen, die nicht in Potsdam getroffen würden, sondern in der Konzernzentrale abhängig von der Entwicklung der Preise für die Verschmutzungszertifikate. Schellnhuber wurde nach dem Abgang von Platzeck und bar jeder Rücksichtnahme dann überdeutlich. Der Zertifikat handel sei ja dafür eingeführt worden, um Schadstoffproduzenten wie Braunkohlekraftwerke unter unerträglichen Druck zu setzen. Seine Bewährungsprobe besteht nach Angaben des Mannes, der auch Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Formulierung ihrer Klimaschutzpolitik beraten hat, darin, die Braunkohleverstromung unattraktiv zu machen. „Die Rettung der Braunkohle ist kein Staatsziel“, sagte der Potsdamer Forscher und meinte noch, es sei offenkundig, „dass diese Branche nicht zukunftsfähig sein wird“. Da aber war Platzeck längst enteilt.
„Die Rettung der Braunkohle ist kein Staatsziel“, sagt Hans-Joachim Schellnhuber. Foto: dpa Foto: dpa
Extras zum Artikel
Artikel Teilen:
Artikel-Aktualisierungen:

Erstellt am: 31. August 2011, 00:00 Uhr
Geändert am: 31. August 2011, 02:34 Uhr
Autor: Von Johann Legner

Von Johann Legner

Jüngste Kommentare (6)

keine Zukunft für die Kohle

von PlanB

Woher kommt der Strom, wenn???
1. Deutschland hält immer Staatsreserven an Gas und Öl um mehere Monate zu überbrücken, deshalb glaube ich an die Weitsicht der Verantwortlichen, auch auf dem Stromsektor kein Risiko eingehen zu wollen
2. wenn man für den Notfall die Idee hat, ein Braunkohlekraftwerk in Reserve zu halten, heißt das auch, dass ein Tagebau in Reseve gehalten werden muss. Die Bewohner der betroffenen Dörfer dann jahrelang auf gepackten Koffern lassen oder ihre Dörfer schon vorher für den Fall der Fälle devastiert haben??? Das kann doch kein Ernst sein...es ist wie es aussieht eher der letzte Strohhalm
3. ach ja, Sparschwei: die Stechdosen will meines Wissens keiner abschaffen, aber mit deinem Namen als Devise sind wir auf keinem schlechten Weg

Erfinderisch,nicht!

von unbekannt

Woher kommt der Strom wenn kein Wind weht ,oder die Sonne scheint und die letzte Biogasanlage in die Luft geflogen ist,vielleicht von dem Fahrrad mit dem Generator hinten daran auf den manche Grüne wohl zu sitzen scheinen.Scheiße ,gerade die Kette zum Antieb gerissen,wieder nix mit Strom . Nicht vergessen eine neue Kerze in den Fernseher stellen.Streichhölzer zum anzünden verboten,zu hoher CO2-Ausstoß!Die klugen grünen Kopfe werden schon wieder eine neue Scheißhausparole ausgeben.Hautsache ihre Spritschleudern sind groß genug und der Strom kommt aus der Steckdose,zu mehr Geist reicht es doch bei denen nicht.

ewig gestrig

von dor_deipel

Antwort auf folgenden Beitrag von unbekannt am 02.09.2011 03:34 Uhr

den so würde es gehen! http://www.bio-wasserstoff.de

Aber dann würden die jetzigen Herren die allen Angst machen, keine Milliarden mehr einfahren!

zurück in die Steinzeit?

von denken

Und für die, die es nicht wissen: Brandenburg erzeugt mehr als 2/3 seines Energieverbrauchs aus Erneuerbaren. Gleichzeitig werden 60 % der erzeugten Energie exportiert.

CCR statt CCS?

von denken

auch das wurde noch gesagt: die Chancen von Kohlenstoff-Recycling und Methanisierung.
Wenn Kohlendioxid aus fossilen Brennstoffen über die Methanisierung "wiederverwendet" bzw so wohl klingend "recycled" wird, macht es grade mal eine extra Schleife: bei der Verbrennung des gewonnenen Methans geht es dann doch in die Atmosphäre. Sinn macht dieses Methanisierungsverfahren nur mit CO2 aus den Biogasanlagen oder der anaeroben Stufe der Klärwerke.
Dieses CCR als Ersatz für CCS ist eine einzige Volksverdummung. Auch die immer mal wieder erwähnte Algenproduktion hat genau oben genannten entscheidenden Nachteil, abgesehen davon, dass man einen Flächenverbrauch ganzer Bundesländer für den jährlichen CO2-Anfall aus deutschen Kohlekraftwerken hätte.
Sinn macht nur ein gesteuertes Auslaufen der Braunkohle. Und eben Methanisierung von regenerativen CO2 mit sicherlich immer öfter anfallenden überschüssigem Strom aus erneuerbaren Energiequellen - eben die Lösung des Speicherproblems.

keine Zukunft für die Kohle

von PlanB

Der CO2_Ausstoß von Vattenfall erhöhte sich in Deutschland von 2009 zu 2010 um 2,5 Mio t. au 70,1 Mio t. Eine Tendenz zum Klimaschutz ist daraus nicht zu erkennen. Zum einen habe ich für Vattenfall Verständnis, denn wer im Tagebau sitzt, sieht die Sonne immer später aufgehen. Doch was sehen die Strategen in den Chefetagen?
Im CSR-Report des Konzerns heißt es in der aktuellen Ausgabe von 2010:
„Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Mauern, die anderen Windmühlen”...sie sollten mal die Türen aufmachen...

Kommentar hinzufügen

Noch kein Passwort? Hier registrieren