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Brandenburg

Blut der Lausitzer fließt drei Jahre länger

Cottbus In der Lausitz gibt es immer weniger junge Menschen und somit weniger Blutspender. Um diesen Verlust auszugleichen, darf jetzt in Brandenburg, Sachsen und Berlin der kostbare Lebenssaft drei Jahre länger, bis 71, abgegeben werden. Doch diese Altersgrenze wirkt willkürlich.

30.07.2010

Birgit Kramer (21) ist Erstspenderin. Sie hat Angst vor der Spritze und würde sich über eine kleine Geld-Entschädigung freuen.
Langsam schiebt sich eine Kanüle in die Vene an der Armbeuge von Joachim Fladrich. Über einen durchsichtigen, dünnen Schlauch fließt langsam Blut in ein Beutelsystem. Nach zehn Minuten piept ein Computer. Der Beutel ist voll, die Spende beendet. Das Blut, das in eine Kiste gelegt wird, wäre bis vor Kurzem nicht dort gelandet. Es hätte einen Patienten nie erreicht. Fladrich ist 69 Jahre alt. „Gartenarbeit und Volleyball spielen halten mich fit“, sagt der Cottbuser und hofft, gesund zu bleiben, um die drei Jahre Verlängerung voll „ausschöpfen“ zu können. Mit 71 Jahren muss er in den Spender-Ruhestand gehen.

Händeringende Suche

Davon weit entfernt ist Birgit Kramer. Die 21-Jährige steht vor einem Spendenbus in Cottbus und will sich anmelden. Sie gehört zu den Menschen, die das Deutsche Rote Kreuz (DRK) händeringend sucht: Erstspender. Was sie im Bus erwartet, weiß sie noch nicht. Ihre Kumpels haben sie zum Spenden „mitgeschleift“. Doch eines scheint sie zu wissen: „Ich denke, mein Blut ist besser als das von älteren Menschen“.

Erneuerung alle drei Monate

Das ist ein Irrglaube. Dr. med. Ralf Knels vom DRK- Blutspendedienst Ost weiß: „Im Blut bleiben die Menschen jung“. Die roten Blutkörperchen werden nicht alt. Sie erneuern sich alle drei Monate.

Auch deshalb bohrte die Bundesärztekammer ein Loch in die lange undurchdringliche Mauer des Tauglichkeitskriteriums Alter. Die Richtlinie gemäß dem Transfusionsgesetz schreibt vor, dass vom 18. bis zum 68. Lebensjahr gespendet werden darf. 2010 wurde ein neuer Satz der Richtlinie hinzugefügt: „Zulassung von älteren Spendern oder Erstspendern über 60 Jahre nach individueller ärztlicher Entscheidung möglich“.

Dieser etwas schwammig formulierte Satz könnte auch so lauten: Auch Hundertjährige können spenden, wenn der Arzt vor Ort die Verantwortung übernimmt. Die schwere Entscheidung, ob etwa ein 80-Jähriger als Spender tauglich ist, will der DRK-Blutspendedienst Ost für Brandenburg, Sachsen und Berlin seinen Ärzten nicht zumuten. Nur bis zum 71. Lebensjahr geben die Ärzte in der Region grünes Licht.

Dieses grüne Licht leuchtete 2010 etwa 700-mal in Brandenburg und etwa 1000-mal in Sachsen. So viele Freiwillige waren über 69 Jahre alt.

Diese Zahl könnte noch erhöht werden, wenn auf Altersgrenzen ganz verzichtet wird.

Schutz geht vor

Das fordert Marina Hausmann. Die Gubenerin sitzt auf einer Bank, während ihr Mann im Spendenbus liegt. „Statt des Alters soll lieber die körperliche Verfassung entscheidend sein, ob gespendet werden darf“, sagt die 55-Jährige. Doch das kommt für Ralf Knels nicht infrage. „Das ist lieb gemeint, aber wir müssen erst den Spender schützen und dann den Patienten retten“, erklärt der Cottbuser DRK-Institutsleiter.

Deshalb sei das 71. Lebensjahr die Höchstgrenze für eine Spende. Der Arzt gibt zu, dass diese Grenze willkürlich erscheinen mag. Wie beim Autofahren würden sich viele Spender jedoch überschätzen. „71 ist ein Alter, wo wir sagen, der Spender ist nicht gefährdet, darüber hinaus haben wir keine Erfahrung“, so Knels.

Dabei war neben dem demografischen Wandel auch die gute körperliche Verfassung der heutigen Rentnergeneration ausschlaggebend für die Anhebung der Altersgrenze.

Seit 1990 wurden Eigenblutgeber beobachtet, die etwa für Hüft- oder Knieoperationen auf eigenes Blut zurückgegriffen haben. Denn für Eigenblutspender gibt es keine Altersbegrenzung. Das Ergebnis der Beobachtung: „Wir waren erstaunt, wie gut selbst 85-Jährige diese Spenden verkraftet haben“, sagt Knels. Doch an der Begrenzung auf 71 will er nicht rütteln. „Wir müssen aus unserer Verantwortung dem Spender gegenüber Grenzen ziehen. Mit dem Alter nehmen auch Herzkreislaufveränderungen zu“. Während in Brandenburg und Sachsen durch die Anhebung der Altersgrenze 2010 mehr Blutspenden gesammelt werden konnten, verlor das DRK in Sachsen gleichzeitig etwa 1600 und in Brandenburg 2000 Erstspender.

1500 Konserven pro Tag

Deshalb zog das DRK auch in Erwägung, das Spendenalter für Erstspender auf 16 Jahre herabzusetzen. In einigen amerikanischen Staaten ist das heute bereits möglich.

Doch das DRK verwarf diesen Gedanken. Zum einen wegen der fehlenden Volljährigkeit, andererseits sei es in Amerika bei Minderjährigen nach der Blutabgabe, aufgrund der bei jungen Menschen stärkeren Aufgeregtheit, vermehrt zu Schwindelgefühlen gekommen. „Da würden wir die Spender gleich wieder verlieren“, prophezeit Knels. Um dennoch auf die 1500 benötigten Blutkonserven pro Tag in Brandenburg, Sachsen und Berlin zu kommen, geht der Blutspendedienst Ost nicht nur neue, sondern auch längere Wege. „Wir sind häufiger vor Ort gewesen und haben mehr Personal eingesetzt, um Spenden zu sammeln“, erklärt der Cottbuser Institutsleiter.

Durch Sommeraktionen wie einem Rucksack als Dankeschön habe der Blutspendedienst zudem zusätzliche Spender gewinnen können.

Doch wegen des Rucksackes legte sich Joachim Fladrich nicht auf die Liege. Seine erste Spende habe er als Volkspolizist abgegeben. „Zu spenden war damals ein ungeschriebenes Gesetz“, erinnert sich der 69-Jährige. Ob geschrieben oder ungeschrieben. Ein „Gesetz“ braucht Rentner Fladrich heute nicht mehr, um Gutes zu tun. Für sich hat er fremdes Blut nie in Anspruch nehmen müssen. Aber: man kann ja nie wissen“, sagt er.

Zum Thema:

Während die Bundesärztekammer Richtlinien vorgibt, können die örtlichen Blutspendedienste im Rahmen dieser Richtlinie eigene Kriterien bezüglich des Spendenalters festlegen. Beim DRK Blutspendedienst Ost berät ein Fachgremium aus Ärzten und wissenschaftlichen Entscheidungsträgern monatlich über wichtige Themen zur Blutspende.
Joachim Fladrich (69) spendet gerne bis zum 71. Lebensjahr. Eine Altersbegrenzung hält er jedoch für sinnvoll. Fotos: M. Klinkmüller

Von Mathias Klinkmüller
 
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