09. Januar 2012, 00:00 Uhr

„Weg mit der Kohle“

Beim Sternmarsch in der Gemeinde Schenkendöbern (Spree-Neiße) machen Kohlegegner sich Mut für den Kampf gegen neue Tagebaue

Guben Zusammenhalt und Ausdauer. Darauf setzen die Gegner neuer Braunkohletagebaue in der Lausitz. Gestern trafen sie sich beim fünften Sternmarsch in der Gemeinde Schenkendöbern (Spree-Neiße). Auch Aktivisten aus Sachsen und Polen waren dabei.

. Als die 50 Grabkoer an ihrer Dorfgaststätte losmarschieren, regnet es noch. Knapp eine Stunde laufen sie trotzdem gut gelaunt durch den Kiefernwald in Richtung Kerkwitz. An der letzten Kurve vor einer Wiese entrollen die Männer in der ersten Reihe ihr Plakat: „Braunkohleabbau zerstört Landschafts- und Lebensgeschichte“.

Auf der Wiese warten schon mehr als 500 Tagebaugegner und Umweltaktivisten. Ein Treckeranhänger dient als Bühne. Es gibt Kartoffelsuppe, Tee und Glühwein. Aus den Nachbarorten Kerkwitz und Atterwasch, aber auch aus dem Welzower Ortsteil Proschim, aus dem polnischen Gubin und aus Rohne in Sachsen sind Protestierer gekommen.

In einem Zelt können Einsprüche gegen den Braunkohleplan Nochten Teilfeld II unterzeichnet werden. Für Rohne und Mulkwitz in der Gemeinde Schleife (Görlitz) bedeutet dieses Teilfeld dasselbe wie der geplante Tagebau Jänschwalde-Nord für Grabko, Atterwasch und Kerkwitz: Umsiedlung. Jürgen Handreck, der Ortsvorsteher von Taubendorf, bringt deshalb auf den Punkt, was alle auf dem Platz eint: „Weg mit der Kohle“.

Einer der Grabkoer Marschierer ist Bernd Quilisch. Er hat sein Leben eingerichtet, wie er es wollte. Das Elternhaus auf einem Hügel am Dorfrand ist ausgebaut. Auf dem Hof Kaninchen, Hühner, ein Berner Sennenhund und eine Katze. Dazu ein paar Schafe und etwas Wald.

Bis vor drei Jahren war das Leben des 49-jährigen Werkstattleiters einer Servicefirma für Lastkraftwagen in Ordnung. Die Auswirkungen der Grube Jänschwalde waren zwar auch in Grabko spürbar, doch das Dorf vertraute auf die vor Jahren gegebene Zusage von Ex-Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD), dass die Bagger nicht über die Taubendorfer Rinne fahren würden.

Doch dann beantragte der Energiekonzern Vattenfall ein Braunkohleplanverfahren für einen neuen Tagebau Jänschwalde-Nord. Darin würden Kerkwitz, Atterwasch und Grabko versinken. Doch Quilisch will Haus, Hof und Wald nicht dafür opfern. Deshalb steht er auf der regendurchweichten Wiese. „Mir geht es nicht ums Geld, das hier ist mein Leben, das bekomme ich so nicht wieder.“

Quilisch sitzt im Grabkoer Ortsbeirat und weiß, dass es nicht leicht wird, den neuen Tagebau zu verhindern. Vor wenigen Tagen war er in Groß Gastrose zur Diskussion mit Brandenburgs Wirtschaftsminister Ralf Christoffers (Linke). „Der hat gesagt, was er sagen konnte“, so Quilisch.

Sicher könne die Landesregierung jetzt noch das Planverfahren für Jänschwalde-Nord stoppen. Andererseits sei Christoffers doch auch Spielball der Energiepolitik des Bundes. Die Abschaltung der acht Atomkraftwerke im vorigen Jahr habe den Stromkonzernen schwere Verluste bereitet. „Die wollen jetzt mit der Kohle ihre Millionen machen“, vermutet der Grabkoer.

Dass die Lausitz noch immer stark wirtschaftlich von der Kohle abhängt, räumt Quilisch ein. Der Fehler sei jedoch schon vor Jahren gemacht worden, als sich die Wirtschaftsförderung des Landes auf Potsdam und den Berliner Speckgürtel konzentriert hat. „Jetzt sollen wir hier dafür mit unseren Dörfern die Zeche zahlen“, sagt Quilisch.

Die angekündigte Revisionsklausel im neuen Energiekonzept Brandenburgs, wonach alle zwei Jahre die Notwendigkeit eines neuen Kraftwerkes und Tagebaus in Jänschwalde geprüft werden soll, sieht er nicht als Nachteil für die kohlebedrohten Dörfer. Besser das, als heute schon einen klaren Freibrief für einen Kraftwerksneubau.

Der Sternmarsch sei wichtig für den Zusammenhalt der bergbaubedrohten Dörfer, sagt Quilisch. Als die Pläne für Jänschwalde-Nord bekannt gegeben wurden, habe man diese Aktion organisiert. Daraus sei dann eine Tradition geworden. Trotz des schlechten Wetters seien noch mehr Menschen gekommen als im Vorjahr, freut sich Quilisch: „Ich bin überzeugt, dass unsere Dörfer nicht wegkommen.“ Vieles sei in Bewegung. „Wir haben nach Fukushima gesehen, wie schnell sich Energiepolitik ändern kann.“

Politische Unterstützung bekommen die Sternmarschierer an diesem regentrüben Sonntag von Cornelia Behm, Bundestagsabgeordnete der Grünen. Beifall braust auf, als sie sagt: „Nach dem Atomausstieg müssen wir auch den Braunkohleausstieg hinbekommen.“

Jürgen Handreck, Ortsvorsteher von Taubendorf, mahnt dabei zum langen Atem: „Wir müssen noch mindestens zehn Jahre durchhalten, bis es entschieden ist.“ Dann will er auf der Wiese des alljährlichen Sternmarsches den Sieg über die Bagger feiern.
Bernd Quilisch will nicht umgesiedelt werden.
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Erstellt am: 09. Januar 2012, 00:00 Uhr
Geändert am: 09. Januar 2012, 16:25 Uhr
Autor: Von Simone Wendler

Von Simone Wendler

Jüngste Kommentare (13)

Wo war denn der Bürgermeister??

von jankomir

Ich hab Herrn Jeschke vermisst... Wo er doch so gegen den Kohleabbau kämpft

Kohlestrom ist nicht billig ....

von Sonnenterasse

es wird dem Energiekonzern nur alles geschenkt: die Kohle für lau, das Wasser für einen sehr geringen Preis, die Renaturierung nach dem Tagebau zahlt der Steuerzahler mit..... Das sollte auch einmal gesagt sein.

hm...

von southpark

Antwort auf folgenden Beitrag von Sonnenterasse am 09.01.2012 17:28 Uhr

Durch ständiges Wiederholen, oder soll man sagen Nachplappern, wird das scheinbare Argument: "Der Steuerzahler zahlt die Renaturierung." auch nicht wahrer oder richtiger.
Wer das behauptet sollte erst einmal das Bundesberggesetz lesen! In diesem ist festgeschrieben, daß das Bergbauunternehmen alle Kosten für die Erschließung, Betreibung und Wiederherstellung des alten bzw. besseren Zustandes verantwortlich ist. Dazu hat das Unternehmen rechtzeitig Rückstellungen zu tätigen, welches auch kontrolliert wird.
Für den Altbergbau aus DDR-Zeiten ist die LMBV zuständig. Das wurde im Einheitsvertrag festgelegt. Für diese Flächen ist Vattenfall einfach nicht verantwortlich sondern der Staat (Steuerzahler).

Kleine Leseempfehlung beim Sonnen auf der Terrasse...

von southpark

Antwort auf folgenden Beitrag von southpark am 09.01.2012 21:33 Uhr

http://tinyurl.com/6ql9zrp
bzw.
http://tinyurl.com/7rzgmxa

@southpark

von firefighter5

Antwort auf folgenden Beitrag von southpark am 09.01.2012 21:46 Uhr

kommst du schon wieder mit deiner einen Seite?
Vielleicht solltest du auch mal andere Seiten im Internet anklicken.
Zu deiner Aussage "daß das Bergbauunternehmen alle Kosten für die Erschließung, Betreibung und Wiederherstellung des alten bzw. besseren Zustandes verantwortlich ist." beantworte mir mal folgende Fragen:
Welchen Tagebau hat VEM bisher wieder hergestellt? Welchen besseren Zustand meinst du? Ist es besser, wenn auf Flächen auf denen vorher Ackerbau und Viezucht betrieben wurde, dies nicht mehr möglich ist, weil nur Wüsten- und Steppenpflanzen bei dem dann vorhandenen Boden überleben?

@firefighter5 ... ich beantworte Dir gern Deine Frage aber zuvor eine ...

von southpark

Antwort auf folgenden Beitrag von firefighter5 am 11.01.2012 19:09 Uhr

Gegenfrage. Welche "eine" Seite meinst Du? ich habe "Zwei" gepostet und in meinen anderen Postings handelt es sich meist immer um "andere" Seiten, da ich die gern als Argument bzw. Beweise anführe. Da ich meine Begründungen und Ausführungen gern beweise. Wenn Du vielleicht denkst es handelt sich bei "http://tinyurl.com/xxxx" immer um "eine" Seite muss ich Dich enttäuschen. Ich benutze http://tinyurl.com/ , es handelt sich um einen URL-Verkürzer, weil hier der Kommentarbereich auf 1000 Zeichen beschränkt ist. Hättest Du mal die Links geklickt, hättest Du bemerkt, das es sich um "zwei" verschiedene Seiten handelt. Es zeigt mir das Du Dich mit den Links nicht beschäftigt hast.
Zu Deinen Fragen. Welchen Tagebau hat VEM bisher wieder hergestellt? Keinen. Wie auch, wenn VEM zZ. nur aktive Tagebaue betreibt! Bei 2 Tagebauen zB., laufen schon jetzt parallel Arbeiten zur Renaturierung. Cottb./N. – Cottbuser Ostsee , Tgb. Jänschw. – Malxetal.

Antworten, die 2.

von southpark

Antwort auf folgenden Beitrag von southpark am 11.01.2012 19:42 Uhr

"Welchen besseren Zustand meinst du?"
Ich habe das als Option angeführt, „alten bzw. besseren“. Wenn zB. minderwertiger Boden mit Kiefern Bestand überbaggert wird und später vielleicht mit Rotbuchen oder Eichenwäldern beflanzt wird, wie es mal vor 200 Jahren in der Lausitz üblich war. Man könnte natürlich auch einen alten schlechteren Zustand wieder herstellen. Oder es werden als Ausgleichsmaßnahmen eingezwängte Flussläufe in Auenlandschaften wieder"verwandelt" wie sie vor 200 Jahren Lausitz typisch waren. Die Spreeaue kostete VEM über 30 Mio. Euro! Von Greenpeace-Deutschland mit Jahreseinnahmen von über 40 Mio. Euro hab ich zB so was noch nicht gehört.
Weiterhin werden mit betroff. Gemeinden Gespräche geführt wie es später mal aussehen könnte. Teichland hätte auch ihren Kiefernwald u. Felder zurück bekommen, was zT. auch passiert. Es hat sich aber auch für eine Zeit nach dem Tgb. entschieden, für den Tourismus. Freizeitpark und Jachthafen an einem der größten See´n später.

Fakten?

von Podiceps

Antwort auf folgenden Beitrag von Sonnenterasse am 09.01.2012 17:28 Uhr

Und diese Behauptung können Sie sicher auch mit konkreten Zahlen belegen? Natürlich vergaßen Sie dabei geflissentlich zu erwähnen, dass Solar- und Windenergie, ebenso wie die erforderliche Gewinnungstechnik, (immer noch) erheblich subventioniert wird. Von wem wohl?

-Podiceps

Weg mit der Kohle

von AGM

Guter Slogan, raus aus der Erde damit und verfeuern, umso eher hört das auf...

Plakativ

von matt

Antwort auf folgenden Beitrag von AGM am 09.01.2012 10:08 Uhr

Wir sollten nicht vergessen, was wir der Braunkohle zu verdanken haben. Aus einer Armutsregion wurde eine entwickelte Industrieregion. Unstrittig ist, die Braunkohle hat langfristig keine Zukunft. Dennoch erlebt die Kohle weltweit eine Renaissance, denn entgegen den Vorstellung der Supergrünen, dass der Stron so einfach aus der Steckdose kommt, braucht man für die Grundslast einen verlässlichen Energieträgen, was Wind und Sonne z.Z. noch nicht leisten können. Und hier ist eine klare Linie angesagt, dass Herumgeeiere der Landesregierung ist für die von der Abbagerung Betroffenen unerträglich. Die müssen wissen, was gehauen und gestochen ist. Ein Schwebezstand zwischen Hoffen und Bangen ist unmenschlich!

die in den letzten

von firefighter5

Antwort auf folgenden Beitrag von matt am 09.01.2012 16:14 Uhr

20 Jahren wieder zur Armutsregion wurde auch oder gerade mit der Kohle. VEM hat Arbeitsplätze abgebaut und baut auch weiter ab. Neue Industrie ist nicht in Sicht, denn wer investiert schon in einer Region in der er nicht weiß, ob er in 15 Jahren noch produzieren kann.Also bitte schön, wo ist der Reichtum der Lausitz.Eigentlich müßten hier doch alle Kommunen schuldenfrei sein, wenn wir eine so "entwickelte Industrieregion" (dein Zitat) sind.
Im übrigen, wenn jeder nur palavert und immer mit der Aussage kommt, die anderen machen das auch, wird nie was.Einer muss doch mal mit dem Ausstieg anfangen. Warum nicht die Deutschen. Dann haben sie nach dem zwei Kriegen mal was Positives angefangen.

"Die Energiewende ist bereits gescheitert"

von southpark

Antwort auf folgenden Beitrag von firefighter5 am 11.01.2012 19:17 Uhr

Der Verfasser, Günter Keil, ist bestimmt kein Dummer oder Lobbyist. Er arbeitete lange Jahre in leitender Position im Bundesforschungsministerium!

Teil1 http://tinyurl.com/6qkadb2
Teil2 http://tinyurl.com/87d7v5t
Teil3 http://tinyurl.com/7a4tjo7
Teil4 http://tinyurl.com/7tojlq6

Sehr lesenswerter Text. Vielleicht für den einen oder anderen etwas lang. Aber er beschreibt authentisch den jetzigen Zustand. Ich gebe zu, es wird auch nicht jeden gefallen, aber man kann auf dieser Basis vernünftig diskutieren ohne polemische Schlagwörter.

@firefighter5: keine Angst vor tinyURL zwinkern

In Zukunft woher der Strom???

von Neuersachse

http://www.lr-online.de/wirtschaft/wirtschaft-lr/Deutschland-braucht-Strom-Hilfe-aus-Oesterreich;art1067,3634102

das macht mir sorgen, woher bekommen wir in Zukunft bezahlbaren Strom. Solar- und Windstrom ist ja eine feine Sache, aber jetzt im Winter, wenn für längere Zeit keine richtige Sonne scheint und auch kein Wind geht!!!??? Strom wird knapp werden und wie geht das Gesetzt: Angebot und Nachfrage regeln den Preis!!!
Werden wir bald 50 Cent und mehr für 1 kWh bezahlen?? Und wo sind dann Arbeitsplätze hier in der Lausitz????

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