Zeischa im Ausnahmezustand
Auf dem Kiessee in Zeischa haben seit einigen Tagen Rechtsextreme das Sagen. Foto: privat

«Niemand hier versteht Herrn Schüring.
Er bestraft die
Falschen» .«Zum Schutz vor
Kriminalität Neonazis anzuheuern, ist ein
Tabubruch.»
Roland Dietze, Gastronom in ZeischaMatthias Platzeck, Ministerpräsident

«Wir können doch nichts für den Diebstahl.» Der Rentner, der so spricht, wirkt kleinlaut, eingeschüchtert. Genauso wie die anderen Bungalow-Bewohner, die an diesem Dienstagnachmittag zwischen den Parzellen im Bad Liebenwerdaer Ortsteil Zeischa spazieren gehen. Niemand will auf den Mann angesprochen werden, der nun schon seit fast zwei Wochen dafür sorgt, dass keiner mehr das tun darf, was in Zeischa für mehr als Hundert Bungalow-Besitzer und ihre Familien Jahrzehnte lang «Gewohnheitsrecht» war: Im See vor der Haustür baden.
Roland Dietze hingegen, der wenige Hundert Meter vom Kiessee entfernt ein Waldcafé betreibt, hält sich mit seiner Empörung nicht zurück: «Niemand hier versteht Herrn Schüring. Er bestraft die Falschen. Und Rechtsextreme will in Zeischa niemand haben.» Seit Skinheads am See das Sagen haben, kämen weniger Gäste, erzählt Dietze. Was in Zeischa passiert, wenn die Saison losgeht, wenn alle Bungalows besetzt und Tausende Badegäste an den See drängen – daran will Dietze gar nicht denken. Er hofft aber: «So lange hält Herr Schüring nicht durch. Er muss doch einsehen, dass er sich selbst schadet.» Wer mache schon Geschäfte mit einem, der es mit den Rechten hält.
Ähnlich sieht es Ortsbürgermeister Helmut Andrack (Linke). Vorerst aber leide Zeischa. Schüring habe mit seinem Wachschutz ein Klima der Angst verbreitet. Die Leute fürchteten sich vor dem Etikett «rechte Hochburg» . Das ziehe auch Linksradikale an. «Der Imageschaden ist groß» , sagt der 68-Jährige, der überregionalen Medien täglich Interviews zum Thema geben muss. «Das bleibt an uns hängen.» Dem Unternehmer müsste klar gemacht werden, dass sich die Stadt von ihm nicht erpressen lässt, dass es auch in seinem Interesse ist, die Rechten wegzuschicken. Je schneller, desto besser.
Schürings Verhandlungspartner aber versucht es auf die sanfte Tour. Bad Liebenwerdas Bürgermeister Thomas Richter (CDU) setzt auf Dialog und Entgegenkommen. «Alles andere bringt doch nichts. Auch wenn sich Herr Schüring völlig falsch verhält und ihm nach dem Diebstahl von 300 Metern Kabel die Sicherungen durchgebrannt sind.» Schüring, so Richter weiter, habe eben das Bergrecht auf seiner Seite und könne das Badeverbot durchsetzen. Ein Gewohnheitsrecht auf Baden einzuklagen, sei schwierig, beteuert der Bürgermeister. Darüber habe er sich informiert.
Also macht Richter, was Schüring will: Er geht mit Vertretern von Ordnungs- und Straßenverkehrsamt die Straßen rund um den See ab, um noch mehr Verbotsschilder aufzustellen. Die Vereinsvorsitzenden der sechs Bungalow-Siedlungen hat der Bürgermeister ins Rathaus bestellt, damit sie ihre Leute sensibilisieren. «Sie sollen die Augen offen halten und zum Handy greifen, wenn sie etwas Verdächtiges bemerken.» Im Gegenzug hofft Richter, dass Schüring die Rechten abzieht und einen See-Abschnitt zum Baden frei gibt.
Derweil baut sich von Seiten der SPD politischer Druck auf den CDU-Bürgermeister auf. «Die Entscheidung des Eigners, zum Schutz vor Kriminalität Neonazis anzuheuern, ist ein Tabubruch und durch nichts zu rechtfertigen» , zitiert die dpa Ministerpräsident Matthias Plat zeck (SPD). Stephan Hilsberg, SPD-Bundestagsabgeordneter mit Wahlkreis im Elbe-Elster-Land, spricht gar von «faschistoidem Verhalten» Mirko Schürings.
Tatsächlich kommt die Aktion des Unternehmers der rechtsextremen NPD wie gerufen. Im Elbe-Elster-Land bemühte sie sich lange vergeblich, Parteistrukturen aufzubauen. Vor zwei Monaten wurde nun ein «Ortsverband Elsterwerda» gegründet, um in der Region Fuß zu fassen. Bisher mischten NPD-Leute aus dieser Gegend hinter der sächsischen Landesgrenze im NPD-Ortsverband Gröditz mit.
Bürgermeister Richter sagt, dass ihm die politische Brisanz bewusst sei. «Das Problem ist aber komplexer.» Was die Stadt so kompromissbereit mache, ist die künftige Bedeutung des Kiessees nahe dem Freizeitbad Wonnemar und einem geplanten Feriendorf. Spätestens 2015 ist der See ausgekiest, danach soll er mit seiner guten Wasserqualität Teil des touristischen Angebots Bad Liebenwerdas werden. Schon jetzt, so Richter, machen viele Kurgäste mit dem Rad Abstecher nach Zeischa. Der dortige Campingplatz am Waldbad platze aus allen Nähten und müsse dringend erweitert werden.
Mirko Schüring weiß um diesen Wert des Sees für die Stadt. Nach RUNDSCHAU-Informationen soll er sogar schon ein Verkaufsangebot gemacht haben. Wahrscheinlich erklärt das sein forderndes Auftreten, vermutet Ortsbürgermeister Andrack.
Für Schürings Affront könnte es aber noch andere Gründe geben. Er gilt als Hitzkopf. So hat der Unternehmer nach dem Kabel-Diebstahl nicht nur fünf Skinheads als Wachschutz engagiert und elf seiner Mitarbeiter für eine Woche entlassen. Er hat Badegäste eigenhändig vom Strand vertrieben. Ines Filohn, Sprecherin des Schutzbereichs Elbe-Elster, bestätigt eine Anzeige gegen Mirko Schüring: «Er hat Badegästen Kleidung ins Wasser geworfen und eine 500 Euro teu ere Uhr.»
Schließlich könnte auch die wirtschaftliche Situation Schürings seine Kurzschluss-Reaktion erklären. Er stehe mit dem Rücken zur Wand, wird im Dorf gemunkelt. Fakt ist, dass eine zweite Firma von ihm, die Schüring-Beton GmbH im sächsischen Dohna, dieses Jahr Insolvenz anmelden musste und die Staatsanwaltschaft Dresden wegen des Verdachts der Insolvenzverschleppung ermittelt, wie ein Behördensprecher bestätigt.
Dynamo Dresden – dort war der Unternehmer Mitglied im Aufsichtsrat – wartet noch immer auf versprochene Sponsorengelder Schürings. Dies war mit ein Grund dafür, dass ihn Dynamo im Herbst vergangenen Jahres nicht länger im Aufsichtsrat haben wollte, wie auf der Internetseite des Vereins zu lesen ist.
Mirko Schüring selbst befindet sich nach Aussagen seiner Sekretärin im Ausland. Deshalb ist er auch für die RUNDSCHAU seit Tagen nicht zu sprechen. Bürgermeister Thomas Richter gegenüber hat er immerhin angekündigt, sich heute bei ihm telefonisch zu melden.