Gerd Mueller
Radsprinttrainer Gerd Müller hat auch heute noch das Leben rund um seinen Sport herum organisiert. Die WM- und Olympia-Titel, die seine Schützlinge erkämpften, sind kaum zu zählen. Foto: Michael Helbig
An seiner Wohnungstür in Cottbus-Sandow müsste eigentlich so etwas wie «Radsportzentrum» stehen – auch vor Gerd Müller haben hier eigentlich nur Radsportler gewohnt. Ruhig und zentral, Blick ins Grüne, ein Idyll. Diese Wohnung, Müller, Radsport, Cottbus – alles ist in Jahrzehnten zu einer seltsamen Einheit verwachsen, die auch die Umbrüche der Wende nicht zu sprengen vermochte.
Ein Rückblick. Gerd Müller, frisch gebackener Sportpädagoge, wurde 1971 gefragt, ob er nicht Lust hätte, bei der gerade gegründeten Sektion Radsport des SC Cottbus das Training der Radsportler zu übernehmen. «Ich selbst hatte vor meiner Armeezeit bei Lok Cottbus einigen Erfolg gehabt, die Idee lag also nahe.»
Müller übernahm die erste Jahrgangsklasse – und räumte schon bei der Spartakiade ’72 ab, was es abzuräumen gab. «Lothar Thoms und Volker Winkler waren damals dabei. Später holten sie WM- und Olympia-Titel.» Im nächsten Jahrgang gingen dann schon Detlef Uibel und Lutz Heßlich an den Start und irgendwann in dieser Zeit muss Müller dann von einer – nicht unsympathischen – Besessenheit gepackt worden sein. Er absolvierte ein Sportwissenschaftliches Studium in Leipzig und lernte alles, was es über Trainingsoptimierung, Ernährung und Sportpsychologie zu lernen gab.

Eine Sportfamilie
«Bei uns zu Hause drehte sich einfach alles um den Sport. Das Familienleben wurde dem einfach untergeordnet.» Oder vielmehr: Das Familienleben vermischte sich mit dem beruflichen. Müllers Frau, selbst Erzieherin, beriet ihren Mann in pädagogischen Fragen, die jungen Sportler selbst wurden quasi adoptiert. «Ich bin schon eine ziemliche Glucke» , lacht der frühere DDR-Nationaltrainer. «Aber geschadet hat die Fürsorge ja wohl nicht.» Müller ließ sich niemals in dem be irren, was er für richtig hielt, als Einzelkämpfer schottete er sich vom großen DDR-Sportbetrieb ab – und führte seine Schützlinge von Erfolg zu Erfolg. WM- und Olympia-Titel sind kaum zu zählen, obwohl Müller selbst nur die gelten lässt, die er mit seinen Cottbuser Jungs holte. «Die als National-Trainer zählen irgendwie nicht, da habe ich ja bloß Hilfestellung gegeben.»

Erfolgsrezepte
Das Geheimnis seines Erfolges« Nein, ein Geheimnis ist es wohl nicht. Sorgsam ausgezirkeltes Training – «wobei ich heute weiß, dass wir früher zu viel trainiert haben» –, schon vor 30 Jahren eine auf die Bedürfnisse der Sportler abgestimmte Ernährung. «Die Jungs wurden zentral bekocht. Und ich habe immer dafür gekämpft, dass genügend Wurst, Fleisch, Eier und Milch für die Eiweißversorgung da war. Was ich allerdings damals auch noch nicht wusste: Der Körper braucht nach hohen Eiweißgaben irgendwann auch eine Phase der Entgiftung. Aber man lernt eben nie aus.»
Und wie war das mit dem Doping» «Spielte eine untergeordnete Rolle. Ich halte ja nichts davon. Leistung kommt vom Training, die Basis dafür von gesunder Ernährung. Ohne das helfen auch keine Pillen.»
Eine Haltung, die übrigens auch seiner jüngsten Tochter die Schwimmer-Karriere verhagelte. «Sie war auf der KJS in Berlin. Und als ihr hoch dekorierter Vater ihr verbot, gewisse Pillen zu schlucken, war sie ganz fix wieder in Cottbus.»
Heute ist sie übrigens «Master of Law» , Volljuristin und mit beiden Beinen im Leben. «Wie auch meine Große. Vollblutpädagogin, hat zwei tolle Kinder.» Diese Familie – Müller ist seit über 30 Jahren verheiratet – gab und gibt ihm die Kraft für sein aufreibendes Leben. Wobei er selbst es dieser Familie nicht immer leicht gemacht hat. «1988 wurde bei mir ein Augentumor entdeckt. Ausgerechnet vier Wochen vor der Olympia-Qualifikation.» Müller ging nicht etwa zu seiner Frau mit dieser Schreckensnachricht – er fuhr auf die Radrennbahn. «Ich musste doch alles ordnen, meinen Assistenten ordentlich einweisen.» Erst Tage später erfuhr auch Frau Müller, dass ihr Mann erkrankt war . . .
«Olle Kamellen. Liegt mir ja nicht, dieses Rumwühlen in alten Geschichten. Nach vorne gucken, mit Optimismus, jeden Tag genießen, das ist eher meine Lebensmaxime.»
Sie führte ihn sicher durch die Wirren der Nachwendejahre. «Erst habe ich – mit einigem Erfolg – geholfen, dem brandenburgischen Radsportverband neue Strukturen zu geben.» Dann klopften die Österreicher an, sie suchten einen Nationaltrainer. «Drei Jahre war ich da, trotz allem war es eine wichtige Zeit.»
Trotz allem – das meint etwas, das einer wie Gerd Müller nicht schätzt. Das Taktieren und Lavieren, das hintenherum über Bande spielen. «Wenn einer ein A . . . ist, sag’ ich ihm das ins Gesicht. Und diese Ehrlichkeit erwarte ich auch von anderen. Vielleicht aber war ich den Österreichern einfach auch zu fürsorglich. Es passte jedenfalls nicht mit uns.»

Holte die Friedensfahrt
Zurück in Cottbus ließ ihn der Sport noch lange nicht los. «Radler baten mich um Unterstützung, da habe ich mich einfach selbstständig gemacht.» Er holte ’95 die Friedensfahrt nach Deutschland, hilft bis heute regelmäßig dem niederländischen Nationaltrainer, machte einen Neuseeländer zum Vize-Weltmeister.
Der Trainerjob ist bis heute seine Haupteinnahmequelle ( «der olle Müller hat sich noch längst nicht überlebt» ), daneben organisiert er Radsportveranstaltungen, sucht Sponsoren und bietet eine Ernährungsberatung für Sportler an. «Ich mache genau das, was mir Spaß macht. Ich habe eine tolle Familie, ich konnte als Trainer alles erreichen, was ich mir vorgenommen hatte. Ich bin ein glücklicher Mensch.»
PS: Noch ein klein wenig glücklicher wird er sein, wenn in den nächsten Tagen die Entscheidung über die dieses Jahr ausgefallene Friedensfahrt 2006 fällt. «Die Radsport-Präsidenten der drei Teilnehmerländer setzen sich jetzt zusammen. Und es sieht gar nicht schlecht aus für die Tour.»