. Als die Täter in den Solarpark bei Dallgow-Döberitz (Landkreis Havelland) eingedrungen sind, pfiff der Schiedsrichter gerade die erste Halbzeit des EM-Vorrundenspiels Deutschland gegen Dänemark an. Der Maschendrahtzaun war für die Diebe kein Problem. Obwohl dadurch ein stiller Alarm ausgelöst wurde und der Sicherheitsdienst keine 30 Minuten später vor Ort war, klaffte in dem Park bereits eine Lücke – 90 Solarmodule im Wert von mehreren Zehntausend Euro fehlten.

"Die Täter waren hoch professionell", sagt Marcus Bui, Projektingenieur bei der Firma Saferay. Das Berliner Unternehmen hat den 50 Hektar großen Park errichtet, der 7000 Haushalte mit Strom beliefert. Auf dem ehemaligen Flugplatz stehen 88 000 kristalline Module im Wert von 40 Millionen Euro. Saferay betreibt zehn große Solaranlagen in Ostdeutschland. "Einen Diebstahl in dieser Größenordnung haben wir bisher noch nicht gehabt", sagt Bui. Was die Diebe nicht wussten: Alle Solarmodule sind mit einer individuellen Identifikationsnummer gekennzeichnet, ähnlich wie die Seriennummer bei Autos. Nur drei Tage später wurde der Transporter mit den geklauten Panels von polnischen Beamten aufgegriffen.

Fälle wie dieser sind typisch für die Vorgehensweise der Solar-Diebe. Allein bis zum 30. August dieses Jahres schlugen sie laut Polizeipräsidium Brandenburg bereits 100-mal zu (siehe Infografik). Der Schaden: mehr als zwei Millionen Euro. Vergangenes Jahr wurden 71 Diebstähle gemeldet. "Die Angriffe auf Brandenburger Solarparks nehmen zu", sagt Polizeisprecher Mario Heinemann. Auch deshalb wurde Ende Juli dieses Jahres die Sonderkommission "Sonne" gegründet. Zehn Kriminalisten beschäftigen sich ausschließlich mit Fällen wie dem im Solarpark Dallgow-Döberitz.

Dabei gehen die Täter laut Soko-Leiter Detlev Schaulandt immer nach ähnlichem Muster vor. Viele Brandenburger Solarparks liegen außerhalb von Ortschaften, in der Nähe von Schnellstraßen oder Bundesautobahnen und sind damit leicht zugänglich. Geklaut wird meist in der Nacht, weil die Anlagen da keinen Strom produzieren können. Am Tag, wenn Tausende Volt durch die Leitungen jagen, wäre der Diebstahl um einiges gefährlicher. Laut Polizei fahren die Täter mit einem Transporter an den Park heran und bauen die Anlagen innerhalb von 30 Minuten ab. Wenn der Wachschutz eintrifft, ist es meist zu spät. Auffällig ist, dass immer um die 100 Solarmodule gestohlen werden. "Mehr passen in einen herkömmlichen Transporter nicht rein", erklärt Polizeisprecher Heinemann.

Auch im Süden von Brandenburg ist die Soko "Sonne" im Dauereinsatz. Anfang Juli wurden von einem Solarpark in der Nähe von Finsterwalde (Elbe-Elster) mehrere Steuerkabel gestohlen. Wenige Tage später wurde bei einem Solarpark bei Senftenberg (Oberspreewald-Lausitz) der Sicherheitszaun durchschnitten. Entwendet wurde allerdings nichts, da der Sicherheitsdienst in der Nähe war. Wenige Tage später entwendeten Diebe von einem Solaranlagenfeld in Gröden (Elbe-Elster) mehrere Wechselrichter. Die Woche darauf versuchte jemand in einen Solar-Park bei Walddrehna (Dahme-Spreewald) einzubrechen.

"Die Ermittlungen zu den Tatverdächtigen stehen am Anfang. Wir gehen aber davon aus, dass die Täter oder Tätergruppen arbeitsteilig und strukturiert handeln", sagt Soko-Leiter Schaulandt. Zudem besteht die Vermutung, dass die Banden nicht nur in Brandenburg, sondern länderübergreifend aktiv sind, so Schaulandt weiter. Ziel der Soko sei es, die Bandenmitglieder zu identifizieren sowie die Bandenhierarchie zu ermitteln und die Täter dingfest zu machen.

Einer der spektakulärsten Diebstähle ereignete sich in einer Nacht Anfang August in Vehlefanz (Landkreis Oberhavel). Mehrere Täter entwendeten innerhalb kürzester Zeit 132 Solarmodule im Wert von 27 000 Euro. Wenn man davon ausgeht, dass ein Modul im Schnitt 20 Kilogramm wiegt, wurden in wenigen Minuten 2,5 Tonnen modernste Technik abgebaut und transportiert. Doch so spektakulär der Diebstahl war – bereits wenige Stunden später wurde beim Grenzübergang Pomellen in der Nähe von Szczecin von polnischen Beamten ein Peugeot Boxer kontrolliert, der Dutzende Solarmodule geladen hatte. Die Identifikationsnummern führten die Beamten nach Vehlefanz in Deutschland.

Zum Thema:
Die Grenzkriminalität war im ersten Halbjahr 2012 insgesamt rückläufig. Das geht aus den Zahlen des Innenministeriums Brandenburg hervor. Wurden im ersten Halbjahr 2011 noch 11 056 Straftaten in der grenznahen Region registriert, waren es dieses Jahr 10 194 Delikte. Laut Innenministerium hat sich auch die Aufklärungsquote von 49,1 Prozent auf 55,7 Prozent verbessert. "Es gibt Grund für vorsichtigen Optimismus, vor einer Überbewertung der Zahlen warne ich jedoch", sagte der brandenburgische Innenminister Dietmar Woidke (SPD) der RUNDSCHAU. Es sei zu früh, um von einer Trendwende sprechen zu kön nen.