Wie schwierig das mit dem Erinnern ist, sieht man manchmal schon bei der Verwendung von einzelnen Begriffen. Pogrom ist so ein Wort, das die Gemüter in Hoyerswerda erhitzt. Da sind zum Beispiel der sächsische Linkenvorstand Jens Thöricht und die Aktionsgruppe „Pogrom
91“, die sagen, dass Hoyerswerda die Ausschreitungen endlich als das bezeichnen muss, was sie waren: rassistische Pogrome. Auf der anderen Seite stehen Menschen wie Oberbürgermeister Stefan Skora (CDU), die sich entschieden gegen diese Bezeichnung wenden,
da dieser Begriff fest mit der Schreckensherrschaft des Nationalsozialismus verbunden sei.  „Man unterstellt uns kollektives Verdrängen“, sagt Skora. Wahrscheinlich irgendwo dazwischen liegt eine Stadt, bei der nur wenige Menschen zuerst an den Computerpionier Konrad Zuse, Schriftstellerin Brigitte Reimann oder Liedermacher Gerhard Gundermann denken.

Einer, der damals dabei war, ist Martin Schmidt (CDU). Der Stadtrat und Chef des Hoyerswerdaer Kunstvereins war Anfang der 90er-Jahre als Stadt-Dezernent für Jugend und Soziales zuständig. Der 74-Jährige war ganz nah dran. Damals, als alles sich zuspitzte und schließlich implodierte. „Wir haben Fehler gemacht. Und wir machen wieder Fehler, wenn wir nicht über damals reden“, sagt Schmidt.

Alles fängt mit einer Gruppe Skinheads an, die auf dem Lausitzer Platz in der Neustadt mit vietnamesischen Zigarettenhändlern aneinandergerät. Aus Angst flüchten
die Vietnamesen in das Wohnheim für Vertragsarbeiter an der Albert-Schweitzer-Straße.
Die Skinheads folgen. Steine fliegen. Erst sind es 100 Menschen, die „Ausländer raus“ rufen, wenige Stunden später sind es schon 300. Neben Skinheads stehen plötzlich ganz normale Hoyerswerdaer.

Ein Bild ging um die Welt: Ein Arbeiter aus Mosambik blickt verängstigt durch eine eingeworfene Fensterscheibe aus dem Wohnheim an derSchweitzer-Straße in Hoyerswerda. Foto: Archiv: dpa
„Wenn wir uns über Begriffe streiten, dann läuft schon wieder etwas falsch“, sagt Schmidt. „91 ist ein Teil dieser Stadt. Das wird so bleiben und wir müssen das endlich
akzeptieren. Wir alle haben damals versagt und Probleme nicht zeitig genug erkannt.“ Deshalb
müsse man mit der jungen Generation reden. „Damit sie es besser machen als wir. Denn Unkraut
kommt immer wieder“, sagt Schmidt, der schon damals reden wollte, aber nicht gehört wurde.
Wie das mit dem Unkraut ist, spüren die Linken zum wiederholten Mal Anfang dieses Monats.
20 Rechtsextreme versammeln sich in der Nähe des Wahlkreisbüros von Linken Bundesgeschäftsführerin Caren Lay. Die Rechtsextremen führen schwarz-weißrote Fahnen und
ein Plakat mit sich. Darauf steht: „Jammert nicht – kämpft“. Auch eine Reichskriegsflagge wird geschwungen. Vertreter der Linksjugend, die gerade im Büro sind, schließen sich ein. Als sie unter Polizeischutz abreisen, johlen und klatschen die Rechtsextremen. An diesem Abend ist es ein bisschen wie damals. Als der Mob vorm Asylbewerberheim steht und verängstigte Menschen in Bussen an geheime Orte gebracht werden, damit nichts Schlimmeres passiert.

Wenn in Fernsehreportagen Bilder aus jenen Nächten des 22. und 23. Septembers 1991 über den Bildschirm huschen, dann sieht man den riesigen Neubaukomplex an der Schweitzer-Straße, diese Stadtmauer, wie das Haus genannt wird, liegt da wie ein Raumschiff in Hoyerswerda. In Wirklichkeit ziehen die Leute in jenen zwei Nächten aber an die Thomas-Müntzer-Straße. Denn im Wohnkomplex IX steht das Asylbewerberheim. Es ist viel kleiner als die Stadtmauer, aber auch ein Raumschiff. Ein Raumschiff voller Menschen aus anderen Kulturkreisen in einer Gegend voller Menschen, die vor allem eines haben: keine Perspektive. Was dann folgt, sind die Szenen, deren Bilder an Hoyerswerda bis heute haften.

Martin Schmidt war damals dabei, als alles implodierte. Wo vor 21 Jahren das Asylbewerberheim stand, wachsen heute Nadelbäume. Nichts erinnert mehr an die Ausschreitungen.
Seit 21 Jahren tut Hoyerswerda unheimlich viel, um diese Bilder endlich loszuwerden. In zahlreichen Projekten, Aktionen und Initiativen setzt sich die Stadt ein für Demokratie, Toleranz und Vielfalt. Die Palette reicht von der Initiative Zivilcourage über Veranstaltungen der Kulturfabrik und des Kunstvereins bis hin zum Projekt „Wider das Vergessen“, in dem sich mittlerweile Hunderte Schülerinnen und Schüler mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzten. Was nur wenige wissen: Vor zwei Jahren wurde Hoyerswerda als „Ort der Vielfalt“ ausgezeichnet. Dieser Tage findet auch wieder die interkulturelle Woche statt. Den Auftakt hat die Eröffnung der Ausstellung „Fenster 91“ gebildet. Jugendliche haben sich ein Jahr lang mit den Übergriffen auseinandergesetzt und Denkmale entworfen. Denn das hat Hoyerswerda bis heute noch nicht – einen dauerhaften Ort, der an 91 erinnert.

Anfang Juli hat Oberbürgermeister Skora unter dem Motto „Hoyerswerda vergisst nicht – wir erinnern“ medienwirksam einen Wettbewerb für einen Ort des Gedenkens ausgerufen. Schon zehn Monate zuvor, am 20. Jahrestag der Übergriffe, hatte er vor laufenden Kameras den Betroffenen einen solchen Ort versprochen. Für viele Menschen war das damals eine längst überfällige Geste. Doch obwohl dem Sieger ein Preisgeld von 1000 Euro winkt, gibt es nach RUNDSCHAU-Informationen bisher nur eine Einsendung. Schulen, an die sich der Wettbewerb laut Stadtverwaltung hautptsächlich richtet, erklären auf Nachfrage, die Aktion überhaupt nicht zu kennen. Im Rathaus verweist man auf die Internetseite der Stadt, wo jeder die Unterlagen herunterladen könne. Dort findet man die Projektbeschreibung tatsächlich – unter
„Rathaus aktuell“ war es bei Redaktionsschluss Unterpunkt 51.




ZUM THEMA: DEMONSTRATION ZUM JAHRESTAG

Für den heutigen Samstag hat die Initiative „Pogrom 91“ aus Hoyerswerda und die bundesweite Kampagne „Rassismus tötet“ unter dem Motto „Keine Ruhe für Hoyerswerda“ eine Demonstration angemeldet. Los geht es um 15 Uhr am Bahnhof. Die Polizei rät Autofahrern, die Hoyerswerdaer Innenstadt weiträumig zu umfahren. In mehreren Internetforen wird über rechte Gegendemonstrationen spekuliert. Die Polizei konnte das nicht bestätigen. Es sei keine weitere Versammlung zugelassen. „Wir sind aber für jeden eintretenden Fall vorbereitet“, sagte Polizeisprecher Thomas Knaup. Laut Organisatoren soll die Demonstration vom Bahnhof in der Altstadt bis zur Albert-Schweitzer-Straße führen – an den Ort, wo vor 21 Jahren die Übergriffe begannen. Dort soll es mehrere Redebeiträge geben. Die Organisatoren rechnen mit 100 bis 300 Leuten.