Vieles, was an jenem Abend im September geschah, ist noch unklar: Was das für eine Angelegenheit in Cottbus war, über die linke und rechte Jugendliche in Tschernitz eigentlich reden wollten, als sie aneinander gerieten. Ob die Rechten kurz nach 23 Uhr wirklich von einer Party in Tschernitz kamen, wie ein anonymes Flugblatt der «Antifaschistischen Aktion» (Antifa) behauptet. Und wenn, wo im Ort sie gefeiert hatten.

Aus dem Auto gezerrt
K lar ist: Mindestens zehn anscheinend rechte Jugendliche aus Südbrandenburg und Ostsachsen zerrten nachts einen Punk aus Döbern aus dem Auto eines Freundes, schlugen und traten ihn. Durch die Flucht in ein Haus konnte das verletzte Opfer seinen Verfolgern entkommen. Auch seine Begleiter flüchteten und alarmierten die Polizei. Der Verletzte wurde mit gebrochenem Nasenbein ins Forster Krankenhaus gebracht. Der Staatsschutz, der bei Straftaten mit rechtsextremistischen Hintergrund eingeschaltet wird, ermittelt.
Der mutmaßliche Haupttäter, den die Polizei in der Nähe des Tatorts aufgriff, ist nach RUNDSCHAU-Informationen ein vorbestrafter junger Mann aus Weißwasser, der der Hooligan-Szene zugerechnet wird.
Klar ist, dass der Vorfall im Ort Konsequenzen haben soll. Unklar, welche das sein sollen: «Wir wissen, dass wir genauer hingucken müssen» , sagt der Tschernitzer Bürgermeister Peter Drobig und meint damit, wer wo in gemeindeeigenen Räumen feiert. Wer das angesichts der fehlenden Sozialarbeiterstelle in Tschernitz tun muss, weiß Drobig auch: «der Bürgermeister» . Doch Genaues über den Überfall weiß er nicht. Zwar wird in Tschernitz viel darüber geredet, doch die Informationen sind oft widersprüchlich.
Auch gilt die Region nicht als Hochburg rechter Gewalt. Auf brandenburgischer Seite kons-tatieren Szenekenner für Tschernitz und Umgebung wenig Auffälliges. Auch die Heimat des mutmaßlichen Täters gilt nicht als Hochburg: «Die rechtsextremistische Szene im Niederschlesischen Oberlausitzkreis stellt derzeit keinen Schwerpunkt in Bezug auf rechtsextremistische Aktivitäten in Sachsen dar» , schreibt der sächsische Verfassungsschutz. Alles ist beunruhigend normal.
Die Punks wissen, dass ihre andere Kleidung, ihre langen Haare und ihre roten Schuhbänder oft Grund genug sind, verprügelt zu werden. «Wenn die Rechten in einer Gruppe auftauchen, nimmt man am besten die Beine in die Hand» , sagt ein Forster Linker, der erzählt, ebenfalls schon Opfer rechter Schläger geworden zu sein. «Seitdem habe ich keine Angst mehr» , sagt er. Doch Angst und Umsicht sind verschiedene Dinge: Und so meidet auch er Discos und Feste in bestimmten Dörfern. Inzwischen trainieren einige Forster Linke, wie auch er, Kampfsport. Nur für alle Fälle, wie sie sagen. Die Gewalt bestimmt das Leben, auch wenn sie nur droht.
Die Reviere sind aufgeteilt, die Linken bleiben unter sich in Döbern, Spremberg, Forst und Cottbus. «Kleine» Übergriffe werden oft gar nicht bekannt, sagt Markus Kemper vom Mobilen Beratungsteam Sachsen in Pirna. «Wir kennen linke Jugendliche, denen brennende Zigaretten auf der Haut ausgedrückt wurden.» Die Polizei bekam das erst mit, als die Linken im Internet davon berichteten. Anzeige erstatteten sie nicht. Viele Taten bleiben im Verborgenen, oft zerrt erst die Eskalation die Vorfälle ins Licht der Öffentlichkeit.
Der Tschernitzer Überfall weckt in der linken Szene in Forst und Döbern böse Erinnerungen. Die Szene in Forst hat nämlich einen Toten zu beklagen, der nach ihrer Überzeugung eindeutig auf das Konto von Rechten geht. Im Januar diesen Jahres starb der 48-jährige Forster Hartmut B. in Erfurt nach einer Attacke von fünf Personen, von denen zumindest einer als polizeibekannter Rechter gilt. B. wurde zusammen mit seinem Begleiter Q. zusammengeschlagen. Während Q. schwer verletzt überlebte, starb der Forster Hartmut B. noch am gleichen Abend in einer Erfurter Klinik. Sein Sohn, Daniel J., wollte beim Strafprozess als Nebenkläger auftreten. Um das zu bezahlen, wurden im Kulturzentrum «Buntes Haus» in Forst Benefizkonzerte organisiert.

Offenbar keine Anklage
Wahrscheinlich vergeblich, denn der Fall wird offenbar nicht vor Gericht landen: Da B. laut Gerichtsmedizin wohl letztlich an den Folgen eines Sturzes starb und dieser keinem der fünf Verdächtigen eindeutig zugeordnet werden könne, werde es mit «99-prozentiger Sicherheit» keine Anklage geben, sagte eine Sprecherin der Erfurter Staatsanwaltschaft. Eine Anklage wegen gefährlicher Körperverletzung gibt es wohl nur wegen der Attacke auf das überlebende Opfer.
«Ich kenne den Sohn des Toten und das Opfer der Tschernitzer Schläger» , so der Forster, der keine Angst mehr vor den Rechten hat. Aber auch kein Vertrauen mehr in den Rechtsstaat: «Den Gerichten traue ich nach der Sache in Erfurt nicht mehr» , sagt er.