26. November 2008, 00:00 Uhr

Bestürzung in der Sportfamilie

Bestürzt reagieren Cottbuser Sportvereine auf die sexuellen Übergriffe eines Kanu-Trainer des ESV Lok RAW, der dafür vergangene Woche zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden ist (die RUNDSCHAU berichtete). Der Vorfall gefährde das Vertrauen der Eltern, die ihre Kinder in die Vereine schicken. Psychologen und Sozialarbeiter raten, das Thema nicht zu verdrängen.

Tobias Schick vom Stadtsportbund in Cottbus kam am Mittwoch vergangener Woche kaum weg vom Telefon. Den ganzen Tag lang riefen Jugendwarte, Geschäftsführer und Vorsitzende von Sportvereinen der Stadt bei ihrem Interessenvertreter an. Thema war das Urteil für Peter K., den suspendierten Kanu-Trainer des ESV Lok RAW. Der 64-Jährige hatte vier seiner weiblichen minderjährigen Schützlinge über einen Zeitraum von eineinhalb Jahren insgesamt 17-mal sexuell genötigt und missbraucht. "Die Bestürzung ist groß in der Sportfamilie", so Schick.

Fast mehr noch aber als der Vorfall selbst empörte die Anrufer der Hinweis auf "die Spitze des Eisbergs" in einem RUNDSCHAU-Kommentar. Aus Einzelfällen wie dem des Kanu-Trainers ließen sich keine Pauschalurteile ableiten. Dies schüre nur Angst und Misstrauen, gibt Tobias Schick den Tenor wider.

Dabei kann sich zum Beispiel Reinhard Rau, Geschäftsführer des Sportclub Cottbus, überhaupt nicht vorstellen, dass in seinem Turnverein dergleichen passieren könnte wie bei Lok RAW. "Für unsere Übungsleiter lege ich meine Hand ins Feuer." Gelegenheit zum sexuellen Missbrauch biete sich beim SCC auch gar nicht. In der Halle übten immer mehrere Gruppen zugleich, es gebe kein Einzeltraining. In Arbeitsberatungen befasse sich der Verein immer wieder mit dem Thema. "Eltern", betont Rau, "müssen ihre Kinder bei uns in sicheren Händen wissen." Die Übergriffe des Kanu-Trainers machten viel kaputt: "Wir versuchen, Kinder von der Straße zu holen, ihnen eine sichere Heimat zu bieten – und dann passiert so etwas."

Konzept zum KinderschutzRaus Kollege Uwe Sachse vom 600 Mitglieder starken Polizeisportverein (PSV) hat den Prozess gegen Peter K. ebenfalls "mit Bestürzung" verfolgt. Um jedoch für Signale aufmerksam zu sein, die auf sexuellen Missbrauch schließen lassen, hätte es dieses Vorfalls nicht bedurft. "Wir sind immer gehalten, aufzupassen." Dabei denkt Sachse nicht nur an mögliche Vorfälle im Verein. "Die Kinder können auch mit uns reden, wenn sie zu Hause oder in der Schule etwas bedrückt." Das gehöre zum Vereinsleben dazu.

Dennoch – nach der Verurteilung des Cottbuser Trainers werde erst im Trainerkreis, dann nochmals bei der Jahreselternversammlung über das Thema zu reden sein. Der PSV biete sieben Sportarten an. Die heikelsten mit Blick auf einen möglichen sexuellen Missbrauch, so Uwe Sachse, seien Schwimmen und Kampfkunst. Dort sei der Kontakt zwischen Trainer und Sportler besonders eng. "Wir haben aber klare Regeln." Sachse nennt ein Beispiel: Vor dem Eintreten in die Umkleideräume der Mädchen und Jungen klopfe der Übungsleiter an.

Auch im Cottbuser Jugendamt und bei den sozialen Trägern in der Stadt habe der Fall des Kanu-Trainers für große Bestürzung gesorgt, so Katrin Schlosshauer. Die leitende Sozialarbeiterin im Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) der Stadt Cottbus hat 2006 gemeinsam mit Erziehern, Sozialarbeitern, Jugendamtsmitarbeitern, Psychologen und Ärzten eine "Projektgruppe Kinderschutz" gegründet. Diese Gruppe hat mittlerweile ein Kinderschutzkonzept erstellt. Mit Trägern der Jugendhilfe wurde gemeinsam ein Leitfaden erarbeitet, um Hinweise auf Missbrauch und Vernachlässigung überhaupt zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren. In diesem Jahr wurde auch ein Leitfaden speziell mit und für Schulen erarbeitet.

Nun stünden die Vereine im Fokus der Projektgruppe, so Katrin Schlosshauer. "Wir überlegen noch, wie wir auf sie zugehen, was wir anbieten können." Im Prinzip gehe es immer um zwei Dinge: Kinder und Jugendliche müssten stark und selbstbewusst gemacht werden, damit sie sich gegen Missbrauch wehren. Daneben gelte es, Betreuer zu sensibilisieren, ihnen Entscheidungshilfe zu geben.

Psychologe Michael Götze-Ohlrich, für ein Berufsbildungswerk in Brandenburg tätig, hat sich gezielt mit sexuellem Missbrauch in Kindergärten befasst. Das Muster, nach denen diese Straftaten ablaufen, sei aber in der Familie, in der Schule oder eben auch im Sportverein immer das gleiche: "Der Täter ist nicht der berühmte fremde Mann, sondern der vertraute Mann." Er baue langsam eine Beziehung zum Opfer auf, steigere dann in der Regel allmählich den Grad der Misshandlung. Damit einher gingen Einschüchterungen. So könnte der Cottbuser Kanu-Trainer den Mädchen gedroht haben, dass sie ohne ihn keine guten Leistungen bringen.

Nach Schätzungen des deutschen Jugendwerks erlebt in Deutschland jedes vierte bis fünfte Mädchen und jeder zwölfte Junge sexuelle Gewalt. "Das heißt", so Götze-Ohlrich, "in jeder Schulklasse, in jedem Verein, in jeder Kita findet sich mindestens ein solches Kind." Aber nur in etwa jedem zehnten Fall werde der Täter auch zur Verantwortung gezogen, sagt der Psychologe.

Eltern gehören mit ins BootGrundsätzlich empfiehlt Götze-Ohlrich Sportvereinen, möglichst durchgängig für Transparenz zu sorgen, Türen offen stehen zu lassen – dies auch im übertragenen Sinn. "Wichtig ist, eine Atmosphäre zu schaffen, in der Kinder und Jugendliche über so etwas auch sprechen können."

Für Gabriele Gregor vom SV Energie gehören die Eltern mit ins Boot, um Kinder und Jugendliche umfassend zu schützen. "Unsere Übungsleiter sind nach der Arbeit ohne Bezahlung aktiv. Sie können nicht noch mehr Betreuerdienste leisten." Eltern indes, so ihr Vorschlag, könnten nicht nur Sicherheit fordern, sondern vielleicht auch etwas mehr dafür tun.

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Erstellt am: 26. November 2008, 00:00 Uhr
Geändert am: 26. November 2008, 02:41 Uhr
Autor: Von Daniel Preikschat

Von Daniel Preikschat

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