13. Juni 2008, 00:00 Uhr

Dritte Halbzeit in der Fußball-Provinz

Am vorigen Wochenende haben 40 junge Cottbuser bei einem Fußballspiel in Forst (Spree-Neiße) rechtsradikale Parolen gebrüllt. Vor sechs Wochen gab es in Hohenleipisch (Elbe-Elster) bei einem Spiel des örtlichen VfB beleidigende und offenbar auch fremdenfeindliche Rufe. Fachleute warnen schon lange vor einem Ausweichen rechtsextremistischer und gewaltbereiter Fans in die unteren Spielklassen.

Dritte Halbzeit in der Fußball-Provinz
Feuerwerkskörper und Parolen: Beim Fußball-Landespokal-Halbfinale in Hohenleipisch griffen Sicherheitskräfte nur zwei Randalierer aus der Menge. Foto: Hilbert

«Der Deutsche Fußballbund hat das Problem nach unten delegiert,
die kleinen Vereine sind damit
aber überfordert.»
Mirko Wittig,
Vorsitzender des Spielausschusses
im Landesverband Brandenburg

Es hätte für den VfB Hohenleipisch trotz Niederlage ein Fußballfest werden können. Vor sechs Wochen spielte der kleine Verein aus dem Elbe-Elster-Land vor 1000 Zuschauern im Halbfinale des Brandenburger Landespokals gegen den SV Babelsberg 03. Doch statt Stolz, es so weit gebracht zu haben, herrschte danach Katzenjammer. Lutz Jacob, Vereinschef der Hohenleipischer, möchte am liebsten gar nicht mehr an die Begegnung denken: «Zu unseren Punktspielen kommen nur 250 Zuschauer, da gab es noch nie so ein Problem.»
Das Problem waren Zuschauer in den Reihen der VfB-Anhänger, die einen Feuerwehrskörper zündeten und Babelsberger Spieler mit üblen, vermutlich auch fremdenfeindlichen Beleidigungen überzogen. Was gerufen wurde, wird von Anwesenden unterschiedlich geschildert. Manche haben gar nichts gehört.
Schon im Vorfeld war das Spiel als «Partie mit erhöhtem Risiko» eingestuft und deshalb 60 Polizisten nach Hohenleipisch geschickt worden. Babelsberg gilt als «linker Verein» . Manche Anhänger sehen den Club gern als das «St. Pauli des Ostens» . Nicht nur als «schwul» seien die Babelsberger von Zuschauern beschimpft worden, so Babelsberger Fans. Ralf Hechel, Geschäftsführer des Potsdamer Vereins sagt, dass er auch «Kanaken» -Rufe gegen Spieler mit ausländischen Namen und «Deutschland den Deutschen» -Gegröle gehört habe.
Thomas Hinz vom Fan-Beirat der Babelsberger hat außer fremdenfeindlichen Sprüchen auch «Zecken» -Rufe und «Hastalavista Antifa» vernommen. Mehrere Männer seien außerdem auf dem Fußballplatz mit schwarzen T-Shirts herumgelaufen, darauf die Aufschrift «Befreites Brandenburg» .
Sauer ist Hinz vor allem auf Jürgen Lüth, früherer Cottbuser Polizeichef und inzwischen Sicherheitsberater Sport beim Brandenburger Landeskriminalamt (LKA), der in Hohenleipisch dabei war und nicht eingegriffen habe. Lüth weist das vehement zurück. Der Verein sei für die Sicherheit auf dem Platz zuständig. Er habe den Auftrag gehabt, das Spiel zu beobachten. Die umstrittenen Rufe habe er selbst nicht gehört. Lüth wehrt sich gegen die Kritik auch damit, dass es vor allem ihm zu verdanken gewesen sei, dass eine Gruppe von Dynamo-Dresden-Anhängern gar nicht bis auf den Platz kam. Darunter war ein Mann mit bundesweitem Stadionverbot. Für eine Auswertung des Spielberichtes, in dem die Zwischenfälle vermerkt wurden, sei nun der Fußball-Landesverband Brandenburg zuständig, sagte Lüth.
Beim VfB Hohenleipisch ist man inzwischen sicher, dass die Sache für den Verein glimpflich abgeht. «Wir bekommen keine Strafe und darüber bin ich froh» , sagt Vereinschef Lutz Jacob. Der VfB habe sich von den Rüpeln distanziert und bei Babelsberg entschuldigt. «Das ist jetzt alles erledigt.» Auch Jacob versichert, nicht gehört zu haben, was da gerufen wurde. In seinem Verein mit 260 Mitgliedern gebe es kein rechtsradikales Potenzial.
Gegen zwei der «Störer» vom Landespokalspiel sei inzwischen ein Stadionverbot verhängt worden. Nur sie waren durch einen vom Verein engagierten Sicherheitsdienst aus den Zuschauerreihen gegriffen worden. Beide Männer seien Mitte zwanzig, in Arbeit und aus «ordentlichen Elternhäusern» , sagt Jacob: «Dass die irgendwie rechtsradikal sind, kann ich mir nicht vorstellen.»
Die Ermittlungen der Polizei zu den Ereignissen in Hohenleipisch sind noch nicht abgeschlossen. «Es ist ärgerlich, dass wir bisher nicht sicher klären konnten, was da gerufen wurde» , sagt Schutzbereichleiterin Simone Taubeneck, die den Einsatz auf dem Platz leitete. Die Krawallmacher seien jedoch dem Augenschein nach «aus dem rechten Umfeld» gekommen.
Als «Gewalttäter Sport» und wegen rechtsradikaler Delikte sind der Polizei im Schutzbereich Cottbus/Spree-Neiße vierzig junge Männer bekannt, die am vorigen Samstag in Forst bei einem Landesligaspiel Randale machten. Nach Polizeiangaben wurden von den Hooligans, die zur Cottbuser Gruppierung «Inferno» gehören, im Stadion Böller gezündet, sowie Parolen wie «wir bauen eine U-Bahn von Cottbus bis nach Auschwitz» gegrölt. Zwanzig Ordner, die der Verein SV Süd Forst auf dem Platz hatte, waren machtlos. «Völlig unerwartet» , so Vereinschef Wolfgang Starick seien die Randalemacher aufgetaucht. Genau davor hatten Vertreter der Polizei Anfang Mai auf einer Veranstaltung des Fußballverbandes Niederlausitz gewarnt.
Forst und Hohenleipisch sind nicht die einzigen Zwischenfälle dieser Art auf Lausitzer Fußballplätzen. In der Vergangenheit mussten sich dunkelhäutige Spieler in der Region manche rassistische Beschimpfung anhören. Zum Beispiel Bruce Dosseh, Spitzname Valentino. Bei einem Kreisliga-Spiel seines Vereins Grün-Weiß Lübben II gegen den SV Calau im Dezember vorigen Jahres wurde er von einem Calauer Kicker massiv beleidigt. Als er ein Jahr vorher noch für den TSV Schlieben spielte, wurde er von Zuschauern als «Bimbo» beschimpft. Vermutlich wird auch nur ein Teil solcher Ereignisse in der Öffentlichkeit bekannt.
Mit dem Ausbau der Sicherheitssysteme in den oberen Spielklassen werden gewaltbereite und rechtsextremistische Fan-Gruppen in die unteren Spielklassen gedrängt. Dort treffen sie auf Sportvereine, die kaum Geld und manchmal nicht mal einen Zaun um ihren Platz haben. «Der Deutsche Fußballbund hat das Problem nach unten delegiert, die kleinen Vereine sind damit aber überfordert» , beklagt Mirko Wittig, Vorsitzender des Spielausschusses im Landesverband Brandenburg. Unterhalb der Regionalliga sei es schon schwierig, Stadionverbote durchzusetzen. Die Namen könnten zwar an die Vereine gegeben werden, doch besser sei die Veröffentlichung von Fotos. «Das ist aber rechtlich hochproblematisch.» Vereinen, die wegen problematischer Fans Hilfe benötigten, verspricht Wittig Unterstützung.
Über die Zwischenfälle bei der Begegnung Hohenleipisch gegen Babelsberg wird der Spielausschuss in seiner nächsten Sitzung Ende des Monats beraten, kündigt er an. «Wir wollen das nicht unter den Teppich kehren, aber man kann auch nicht neben jeden Zuschauer einen Aufpasser stellen» , wirbt der Spielausschussvorsitzende um Augenmaß. Auch die Forster Randale werde ausgewertet.
Dass sie sich bei der Bekämpfung von Rassismus und Gewalt im Fußball stärker den unteren Spielklassen zuwenden müssen, haben offenbar viele Verantwortliche inzwischen gemerkt. Mitte Mai veranstalteten Brandenburger Landesregierung, Fuß ball- Landesverband und Landessportbund einen «Spieltag für Menschlichkeit und Toleranz.» Zwei Wochen später kamen 150 Teilnehmer zu einem Treffen, zu dem der Brandenburger Verfassungsschutz eingeladen hatte. Thema: «Fußball, Gewalt und Rechtsextremismus» .
Dass mit einer schnellen Änderung nicht zu rechnen ist, scheint den meisten Beteiligten klar. «Das Bewusstsein für dieses Problem ist in kleineren Vereinen noch nicht ausreichend vorhanden» , schätzt Jürgen Lüth ein. «Da muss noch viel passieren.» Simone Taubeneck rechnet ebenfalls damit, dass rassistische und gewalttätige Zwischenfälle auf den Fußballplätzen der Region die Polizei noch länger beschäftigen werden: «In den unteren Ligen wird es eng, da müssen wir jetzt dranbleiben.» www.lr-online.de/
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Erstellt am: 13. Juni 2008, 00:00 Uhr
Geändert am: 13. Juni 2008, 15:36 Uhr
Autor: von Simone Wendler

von Simone Wendler

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