Wirtschaft klagt über Lehrlings-Mangel
Gewerkschaften sprechen von enttäuschendem Ausbildungspakt
Berlin Es gab Zeiten, da hatten Betriebe die Qual der Wahl beim Nachwuchs. Die Nachfrage der jungen Leute überstieg das Angebot an Lehrstellen bei Weitem. Das hat sich nach Darstellung der Wirtschaft radikal geändert.
Die zentrale Herausforderung des zuletzt vor zwei Jahren neu ausgerichteten Ausbildungspaktes zwischen Politik und Wirtschaft bestehe deshalb darin, „mehr Jugendliche ohne Umweg über eine Vorbereitungsschleife direkt in Ausbildung zu bringen“, erklärte Wanzleben.
Nach Angaben von Raimund Becker, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit, steckten im Jahr 2011 allein rund 100 000 Jugendliche in berufsvorbereitenden Maßnahmen. Weiter 66 000 absolvierten eine berufliche Ausbildung, die jedoch mit ausbildungsbegleitenden Hilfen durch die Bundesagentur verbunden war. Darüber hinaus waren 31 000 Jugendliche in einer außerbetrieblichen Ausbildung untergebracht. Dieses Instrument verliert wegen der Nachwuchssorgen in vielen Betrieben jedoch an Bedeutung. Die Zahl der Jugendlichen in außerbetrieblichen Maßnahmen ging gegenüber dem Vorjahr um 20 Prozent zurück. Für die Förderprogramme zum Berufseinstieg gibt die Bundesagentur jährlich insgesamt etwa 3,5 Milliarden Euro aus.
Nach der Statistik des Ausbildungspakts waren im Vormonat nur noch 5700 Lehrstellenbewerber unversorgt. Damit reduzierte sich die Zahl seit dem Stichtag 30. September um etwa die Hälfte. Dem standen Ende 2011 rein rechnerisch knapp 30 000 unbesetzte Stellen gegenüber. In der Praxis dürften es mehr sein. Denn nicht jede freie Lehrstelle wird den Arbeitsagenturen gemeldet. Auf der anderen Seite folgt aber auch nur jeder zweite Unversorgte den Einladungen der Kammern für ein Gespräch zur Nachvermittlung.
Im Gegensatz zur Wirtschaft gingen die Gewerkschaften am Mittwoch mit dem Ausbildungspakt hart ins Gericht. Trotz guter Wirtschaftsentwicklung sei die Lage auf dem Ausbildungsmarkt „enttäuschend“, kritisierte DGB-Vize Ingrid Sehrbrock. Sie rechnete vor, dass zu den 5700 unversorgten Jugendlichen noch weitere 65 000 Personen hinzukämen, die zwar als ausbildungsreif gelten, aber keine Lehrstelle bekämen und sich deshalb mit Praktika, Hilfsjobs und Einstiegsqualifizierungen über Wasser hielten. „Nur der demografische Wandel verhindert, dass noch mehr Jugendliche in Warteschleifen geparkt werden“, sagte Sehrbrock.
Prognosen zufolge werden bereits in acht Jahren 200 000 Jugendliche weniger die Schule verlassen als noch im Jahr 2005. Die Zahl der Schulabgänger hätte sich damit um ein Fünftel reduziert. Gleichzeitig beginnen immer mehr junge Menschen ein Studium, was den Markt der Lehrstellenbewerber zusätzlich schrumpfen lässt.
„Aus der Not heraus“ seien Unternehmen daher immer stärker bereit, Jugendlichen selbst Nachhilfe zu geben und mit Schulen Partnerschaften einzugehen, versicherte Wansleben. So gesehen haben die Jugendlichen die Qual der Wahl, sich für ein Lehrstellen-Angebot zu entscheiden.
Der Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium, Gerd Hoofe, verwies darauf, dass von den jugendlichen Arbeitslosen jeder zweite keine abgeschlossene Ausbildung hat. Rund 15 Prozent der jungen Erwachsenen zwischen 20 und 29 Jahren verfügen über keinen Berufsabschluss. Das sind rund 1,46 Millionen Menschen.
Extras zum Artikel
Artikel Teilen:
Artikel-Aktualisierungen:
Erstellt am: 02. Februar 2012, 00:00 Uhr
Geändert am: 02. Februar 2012, 02:45 Uhr
Autor: Von Stefan Vetter

Jüngste Kommentare
Zu diesem Artikel sind noch keine Beiträge vorhanden