Umerziehung an Dreikönig
Philipp Rösler orientiert FDP in Stuttgart weg von Steuersenkungen
Stuttgart Wie die Geier stehen sie da. Zwei Mitglieder der Piraten haben sich jenseits des Teiches vor dem Stuttgarter Staatstheater aufgebaut und halten stumm ein Transparent hoch: „Liberal, sozial und Liebe zur Freiheit und Demokratie - die Piraten". Und nicht nur sie wollen an der Leiche FDP fleddern.
Ein klatschbereites Publikum ist wie jedes Jahr gekommen, über tausend Leute. Auch der in einer Mischung aus Frustration und Wut zurückgetretene Ex-Generalsekretär Christian Lindner ist erschienen, ein Versöhnungszeichen. Lindners Nachfolger Patrick Döring hat zudem schon am Vortag überall artig alle Irritationen ausgeräumt, die sein Interview mit dem „Stern“ ausgelöst hatten, als er sagte, Rösler sei kein Kämpfer, eher ein „Wegmoderierer“.
Freie Bahn also für den Vorsitzenden, die noch dadurch größer wird, dass Entwicklungsminister Dirk Niebel als einer der Redner vor ihm zeigt, wie man sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen kann: mit Dickfelligkeit. Selbstbewusste Angriffe auf den politischen Gegner, eine trotzige Bilanz des eigenen Tuns dazu noch kräftige Presseschelte, den Mann haut nichts um. „Wir weichen nicht, wir gehen nach vorne“, sagt Niebel und wirkt da wie Bruce Willis in „Stirb langsam“. Direkt mit dem Kopf durch die Mitte. Da stehen sie spontan auf im Saal. Döring und Baden-Württembergs FDP-Landeschefin Birgit Homburger machen es bei ihren kurzen Reden ähnlich, allerdings weniger gekonnt. Kampfansagen an die Gegner, Aufforderungen zum Teamgeist in der eigenen Führung und Durchhalteparolen. „Starke Mitte. Starkes Land. FDP“ steht über der Bühne.
Rösler aber geht die Sache von der Seite an. Er hält statt einer Kampfesrede einen fast leisen Vortrag über – das Wirtschaftswachstum. Das Wachstum an sich und im Besonderen, nämlich in der Mittelstands-, Energie- und Bildungspolitik. Der Vorsitzende will die negative Erbschaft seines Vorgängers Guido Westerwelle abräumen. Dessen Fixierung allein auf das Thema Steuersenkung gilt Rösler als eine der Hauptursachen für den Vertrauensverlust, denn die FDP konnte das Versprechen nicht erfüllen. Nicht in einer Koalition mit der CDU, nicht in Zeiten der Krise.
Aber 56 Prozent der Mitglieder sind seit 2000 eingetreten und kennen die FDP praktisch nur als Steuersenkungspartei. Deshalb startet Rösler in Stuttgart eine Art Umerziehungsprojekt, mit einer fast einstündigen Rede darüber, dass nur Wachstum die Quelle allen Wohlstandes ist, und dass nur die FDP noch vorbehaltlos zum Wachstum steht, während es bei allen anderen entweder blockiert oder behindert wird. Sogar Wolfgang Schäuble (CDU) habe sich für eine Begrenzung des Wachstums ausgesprochen, zitiert Rösler. „Das ist unverantwortlich.“ Gegen Piraten und Freie Wähler glaubt der Vorsitzende so ein Alleinstellungsmerkmal der Liberalen gefunden zu haben. Außerdem ist es ein Thema, das mit ihm persönlich identifiziert wird, ist er doch Wirtschaftsminister. Alle anderen Fragen stehen zurück. Die Außenpolitik, klassisches FDP-Terrain, findet keine, die Bürgerrechtspolitik nur noch am Rande Erwähnung.
Im Saal sind sie etwas überrascht. Was bei Westerwelle nach dessen üblichen lauten und polemischen Dreikönigsreden immer passierte, nämlich dass sie alle am Ende berauscht aufsprangen und applaudierten, fällt diesmal aus. Auch Zwischenapplaus ist selten. Es gibt ihn nur dann, wenn der Vorsitzende doch einmal aggressiver wird gegen SPD, Grüne oder Linke. Einen wohlwollenden Beifall, der die Berichterstattung über die Tagung nicht versaut, muss man die Reaktion des Publikums wohl nennen. Mehr nicht.
Beim Gang nach draußen werden Rösler und Döring von den Journalisten bestürmt. Es geht um ihre Meinung zum Scheitern der Jamaika-Koalition im Saarland und zum Zustand der dortigen Liberalen. Die nächste Parteikrise.
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Erstellt am: 07. Januar 2012, 00:00 Uhr
Geändert am: 10. Januar 2012, 08:31 Uhr
Autor: Von Werner Kolhoff

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