Warum die Zahl der Arztbesuche unaufhörlich steigt
Die Praxisgebühr sollte, als sie 2004 eingeführt wurde, zwei Funktionen erfüllen: Notorische Praxishopper abschrecken und dafür sorgen, dass die Patienten erst mal bei einem Allgemeinmediziner Rat holen, ehe sie teure Spezialisten aufsuchen. Eine am Dienstag veröffentlichte Zahl jedoch straft alle diese Absichten Lügen. Die RUNDSCHAU erklärt, warum.
Die Zahl der Arztkontakte ist seit 2004 nicht gesunken, sondern im Gegenteil gestiegen: Von 16,4 auf 18,1 pro Jahr und Versicherten. Die Lenkungswirkung der Gebühr ist gleich null. Die Deutschen gehen nach der aktuellen Statistik der Barmer GEK fast dreimal so häufig zum Arzt wie die Franzosen (6,3-mal im Jahr 2007), die Österreicher (6,7) oder die Polen (6,8), und fast fünf Mal so häufig wie Amerikaner (3,8). Deutsche Frauen sitzen 20,7-mal pro Jahr im Wartezimmer, Männer 14,7-mal. Gesünder sind die Deutschen deshalb allerdings nicht. Auch eine andere Zahl belegt die neue Lust am Arztbesuch: 2008 blieben nur 7,1 Prozent der Versicherten ohne einen einzigen solchen Termin. 53 Prozent der Versicherten wiederum nutzten Leistungen von vier oder mehr unterschiedlichen Praxen, pendelten also oder holten sich Zweit- und Drittmeinungen ein. „Die Steuerungswirkung der Praxisgebühr hat abgenommen“, stellte Barmer-GEK-Vorstand Ulrich Schlenker unumwunden fest. Ein Effekt sei nur im ersten Jahr festzustellen gewesen, als die zehn Euro pro Quartal tatsächlich viele abschreckten. Die Kassen, so Schlenker, würden die Gebühr am liebsten abschaffen, doch dann fehlten ihnen rund zwei Milliarden Euro. Das ist auch für die schwarz-gelbe Koalition der Punkt. Er habe bisher noch niemanden getroffen, der einen konkreten Vorschlag gemacht habe, wie die Milliarden zu ersetzen seien, sagte der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Johannes Singhammer (CSU), der RUNDSCHAU. Es bleibe allerdings ein Unbehagen, dass man beim Arztbesuch Bargeld zahlen müsse. Deshalb habe sich die Koalition verständigt, die Zahlungsweise „in ein unbürokratisches Verfahren zu überführen“, wie es im Koalitionsvertrag heißt. Konkreteres steht noch nicht fest. Allerdings, das Problem der allzu vielen Arztbesuche ist mit der Änderung der Zahlungsweise nicht gelöst. Zumal die vielen Arztkontakte hohe Folgenkosten nach sich ziehen, denn meist werden bei jedem Termin Medikamente oder Anwendungen verschrieben. B armer-GEK-Vorstand Schlenker schlägt deshalb freiwillige Verträge der Krankenkassen mit den Kassenärztlichen Vereinigungen und den Krankenhäusern vor, um die Nachfrage besser zu steuern. Dazu gehöre vor allem die Schaffung medizinischer Versorgungszentren, die Vielfach-Besuche vermeiden helfen. Fraglich ist allerdings, ob die Mediziner das Angebot annehmen. Immerhin leben hierzulande 140 000 Ärzte von der ambulanten Versorgung. Allerdings würde eine Verringerung der Zahl der Besuche die Qualität der Behandlung womöglich verbessern. In Deutschland verwendet ein Arzt durchschnittlich acht Minuten Zeit auf die Behandlung eines Patienten. In vergleichbaren europäischen Ländern ist es dopp elt so lange.
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Erstellt am: 20. Januar 2010, 00:00 Uhr
Geändert am: 20. Januar 2010, 01:26 Uhr
Autor: Von Werner Kolhoff
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