22. Juni 2010, 00:00 Uhr

Polen muss sich entscheiden

Stichwahl um das Präsidentenamt am 4. Juli

Kommentar Was vor wenigen Monaten in Polen noch undenkbar schien, ist jetzt längst nicht mehr ausgeschlossen. Die Ära der Gebrüder Kaczynski ist noch nicht zu Ende.

Johann Legner Foto: Archiv
Paradoxerweise hat der tragische Tod des einen Zwillings seinen Bruder Jaroslaw ganz unerwartet in eine Position gebracht, aus der heraus er Bronislaw Komorowski, den Präsidentschaftskandidaten der Regierungskoalition, ernsthaft gefährden kann.

Dies wird so manchen beunruhigen, der Jaroslaw Kaczynski in seinem Amt als Regierungschef noch als stetigen Bremser in Sachen Europa und als Politiker mit erkennbaren Abneigungen gegen Deutschland in Erinnerung hat. Und beunruhigend am Ausgang des ersten Urnengangs, bei dem Kaczynski den Einzug in die Stichwahl schaffte, ist auch die Tatsache, dass er seine Stimmen vor allem im Ostteil des Landes holen konnte. Dort ist die Unzufriedenheit ob der Folgen des schnellen Wandels der polnischen Gesellschaft am größten.

Profitiert hat er allerdings vor allem von dem Mitleid, das viele Polen mit ihm und seiner ganzen Familie empfinden. Droht Polen also mit dieser Präsidentschaftsentscheidung wieder zum unsicheren Partner zu werden für alle, die auf die weitere Integration der Nationen des Kontinents setzen? Da müsste zunächst einmal der Vorsprung, den der Liberale Komorowski derzeit noch hat, zusammenschmelzen.

Und selbst bei der Wahl Kaczynskis würde dann ein Mann sein Amt antreten, der nach dem Brudertod ganz neue, viel versöhnlichere Töne angeschlagen hat. Sein Erfolg wäre allerdings dennoch ein widersinniger Akt. Denn kein anderes EU-Land ist derzeit so gut aufgestellt wie der Nachbar jenseits von Oder und Neiße. Die Regierung kann eine eindrucksvolle Erfolgsbilanz aufweisen. Da sollte es ihr auch gelingen, ihren Kandidaten zum Präsidenten zu machen.
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Erstellt am: 22. Juni 2010, 00:00 Uhr
Geändert am: 22. Juni 2010, 13:53 Uhr
Autor: Von Johann Legner

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