Genau der richtige Mann
Zur Kandidatensuche für das Amt des Bundespräsidenten
E igentlich sollte diesmal alles anders werden. Doch tatsächlich ist nichts anders geworden.
Dass die Wahl jetzt auf Gauck gefallen ist, ist kein Verdienst der Politik, sondern schlichtweg dem gesunden Menschenverstand geschuldet. Kein anderer der genannten Kandidaten hat eine derart überzeugende, öffentliche Reputation.
Der ehemalige Bürgerrechtler ist zudem jetzt genau der richtige Mann, der wie einst Johannes Rau versöhnen statt spalten kann. Das wird zunächst Gaucks wichtigste Aufgabe werden. Denn nicht nur das Amt des Staatsoberhauptes ist durch die Wulff-Affäre massive ramponiert worden. Durch Deutschland zieht sich seit zwei Monaten ein geistig-moralischer Riss, was die Bewertung der Wulff-Affäre angeht.
Und – viel schlimmer – ob der Bundespräsident überhaupt noch gebraucht wird. Gauck muss daher nach dem Wulff-Drama das Vertrauen in das Amt wiederherstellen und für einen neuen, gesellschaftlichen Frieden in dieser Frage sorgen. Der FDP muss man zugestehen, sie hat hoch gepokert und gewonnen.
Der Schwanz hat ausnahmsweise mal mit dem Hund gewedelt. Auch um den Preis der Koalition. Angela Merkel ist am Ende eingeknickt, nicht nur vor den Liberalen und dem immensen Druck, den auch die Opposition ausgeübt hat. Sondern hoffentlich auch vor den eigenen Ansprüchen. Sie wollte angeblich den Konsens. Sie ist aber in Wahrheit – anders als versprochen – nicht ergebnisoffen in die Gespräche gegangen, auch sie hat stets danach geschaut, welcher Kandidat ihr welchen politischen Nutzen bringen und welcher ihr vielleicht schaden könnte. Deswegen ihr erstes Nein zu Gauck. Das alles ist zwar grundsätzlich legitim. Aber nicht mehr dann, wenn man schon zwei Präsidenten verschlissen hat.
Angela Merkel hat somit als Kanzlerin Schaden genommen. Und die Koalition? Sie steht nun schlechter da denn je. Nicht wegen Gauck. Sondern wegen des Prozederes.
Dass die Suche nach dem Wulff-Nachfolger fast zum Ende der Regierung geführt hat, ist zudem in der Geschichte der Republik einmalig. SPD und Grüne können daher zufrieden sein. Hohe Regierungskunst war es ganz und gar nicht, was man bei der Präsidentensuche von Schwarz-Gelb erleben durfte.
politik@lr-online.de
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Artikel-Aktualisierungen:
Erstellt am: 20. Februar 2012, 00:00 Uhr
Geändert am: 20. Februar 2012, 09:50 Uhr
Autor: KommentarHagenStrauss

Jüngste Kommentare (2)
Einen Strauß für Herrn Strauss !
von loewenreh
Hamse gut gemacht, den Kommentar!
Phänomenal der Aufstand der gelben Zwerge - nicht für Gauck, sondern gegen
Merkel.
Gut für die Republik, dass Merkels unsägliche Kungeleien gestoppt wurden.
Was bleibt, ist allerdings ein fader Beigeschmack wegen dieser bisherigen und in Zukunft auch zu befürchtenden parteipolitischen Taktikspielchen!
LR : Seichte Kommentare!
von nine1011
"Dass die Wahl jetzt auf Gauck gefallen ist, ist kein Verdienst der Politik, sondern schlichtweg dem gesunden Menschenverstand geschuldet. Kein anderer der genannten Kandidaten hat eine derart überzeugende, öffentliche Reputation."
Die Präsidentschaft von Joachim Gauck ist ein Produkt der Springer-Presse. Der rechtskonservative Zeitungskonzern hat nicht nur zur Popularität Gaucks wesentlich beigetragen sondern den Kandidatenvorschlag durch FDP, CDU/CSU und SPD sowie durch die Grünen erst möglich gemacht. Mit Gauck hat Schwarz-Gelb einen willkommenen Wahlhelfer gefunden, zumindest aber ist er ein Garant gegen jede Alternative zu einer neoliberal geprägten Politik in Deutschland.