04. September 2010, 00:00 Uhr

Eine Streitschrift gegen die Wachstumsfetischisten

Meinhard Miegel predigt einen radikalen Neuanfang der deutschen Gesellschaft

Berlin/Lübbenau Das, was die große Mehrzahl der Politiker, allen voran Bundeskanzlerin Angela Merkel anstreben, ein möglichst schnelles Wirtschaftswachstum, ist aus seiner Sicht ein verhängnisvoller Irrweg. Er führt nicht nur in eine Sackgasse, er kostet auch viel Zeit, die gebraucht wird zum Umsteuern.

Meinhard Miegel stellt sein Buch am Montag im Schloss Lübbenau vor. Foto: ddp Foto: ddp

Die Grundthese des Meinhard Miegel in seinem jüngsten Buch »Exit« ist so neu nicht, aber wenn dies ein einst hochrangiger Mitarbeiter der CDU-Parteizentrale, ein Sozialwissenschaftler mit besten Wirtschaftsverbindungen aufschreibt, so sollte dies zu denken geben.

Professor Miegel, der zuletzt an der Universität Leipzig lehrte, ist in seiner Kritik an der gesellschaftlichen Entwicklung der letzten Jahre schonungslos. Wenn er in früheren Büchern schon die ersten Anzeichen einer Katastrophe auszumachen glaubte, so haben seine Analysen mit der jüngsten Wirtschaftskrise deutlich an Schärfe gewonnen. Die westliche, die »frühkapitalistische« Lebensform führe bei einer weiteren Fortsetzung zum »Kollaps wachstumsfokussierter Kulturen«. Oder einfacher ausgedrückt: Wer immer mehr wolle, bekomme immer weniger.

Miegel vergleicht das Streben nach immer neuem Wachstum mit einer gefährlichen Sucht - und hält jene Zeitgenossen für benebelt, die optimistisch glauben, man werde bei den damit verbundenen Problemen irgendwann schon eine Lösung finden.

Da hilft nur noch der Notausgang - Exit - nur noch das schnelle Ende der Party, die stetigen Spaß verspricht. Da formuliert ein durch und durch Konservativer eine Weltsicht, wie sie vor wenigen Jahren noch ausschließliches Privileg grüner Skeptiker war. Er beschreibt die »Blindheit« des schrankenlosen Ressourcenverbrauchs und den Irrglauben an eine Patentlösung angesichts der stetigen Umweltzerstörung. Er zweifelt an dem Sinn des stetigen Wettlaufs nach einem Zugewinn an wirtschaftlichem Ertrag. Dessen Verteilung habe dem Menschen eben nicht zusätzliches Glück beschert. Mit dem Wachstum sei vielmehr eine »zerbrechliche Gesellschaft« gekommen, die »unmündig« und »gedopt« keine Antworten finden könne auf die Probleme der Zukunft und sich wie ein Süchtiger verhalte. Denn die Probleme, die durch die frühere industrielle Expansion entstanden seien, versuche sie nur durch neues Wachstum zu lösen. Da helfe nur noch ein radikaler Richtungswechsel, ein neues Wohlstandsverständnis.

Den sieht der Autor vor allem in der Besinnung auf ethische Fragen. Er verlangt eine Politik des begrenzten Verzichts. Sie beinhaltet eine Steigerung der Lebensarbeitszeit - und damit natürlich die Rente frühestens mit 67. Vor allem fordert er einen Bewusstseinswechsel, nach dem Menschen ihr Leben nicht länger in erster Linie darauf ausrichten, möglichst viel zu verdienen. Soziales, ehrenamtliches Engagement, künstlerische Betätigung oder ein intensiveres Familienleben müssten auch ohne Entlohnung stärker im Vordergrund stehen.

Ein Bürger, der sich freiwillig begnügt, schwebt dem Professor, der sich Realist nennt, vor. Meinhard Miegel setzt auf Einsichten, die andere wohl als Utopie bezeichnen würden.

Veranstaltungshinweis Meinhard Miegel liest am Montag, 6. September, um 19 Uhr im Schloss Lübbenau. Die Veranstaltung wird vom Chefredakteur der Lausitzer Rundschau, Johannes M. Fischer, moderiert. Der Eintritt kostet sechs Euro bei Voranmeldung unter Telefon 03542 8730, sonst acht Euro an der Abendkasse. Veranstalter ist das Literaturbüro Brandenburg. Meinhard Miegel: Exit - Wohlstand ohne Wachstum, 300 Seiten Propyläen-Verlag, 22,95 Euro
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Erstellt am: 04. September 2010, 00:00 Uhr
Geändert am: 06. September 2010, 10:13 Uhr
Autor: Von Johann Legner

Von Johann Legner

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