Das linke Kollektiv
Nach dem Rückzug von Linken-Chef Oskar Lafontaine werden immer mehr Forderungen nach Beibehaltung der Doppelspitze in der Partei laut. Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch sagte am Montag vor Journalisten in Berlin, er könne sich entgegen seiner bisherigen Haltung ein solches Modell vorstellen. Die RUNDSCHAU erklärt, wie sich die Partei neu aufstellen will.
26.01.2010
Als früherem DDR-Bürger kommt Bartsch das nicht so leicht über die Lippen, wie er süffisant meint. Nun gelte es aber, das Kollektiv zu stärken. Die Partei müsse künftig weniger von Einzelnen geprägt und die Last auf mehr Schultern als bisher verteilt werden. Der Bundesgeschäftsführer, einer der Beschädigten der Personaldebatten bei der Linkspartei, rückt am Montag im Karl-Liebknecht-Haus auch von seinem Dogma ab, dass es 2010 vorbei sein müsse mit der Doppelspitze. Denn das Konstrukt mit Oskar Lafontaine (West/66) und Lothar Bisky (Ost/68) war 2007 bei der Gründung der Partei Die Linke als Ausnahmeregelung eingeführt worden, um West und Ost zusammenzuführen. Die beiden älteren Herren kandidieren ebenso wie Bartsch nicht mehr im Mai beim Parteitag in Rostock – die Linke hat besonders ohne Lafontaine ein Problem. Er und Fraktionschef Gregor Gysi sind die Führungsfiguren der Partei, überall im Liebknecht-Haus hängen ihre Botschaften. „Reichtum für alle“, fordert Gysi auf einem großen Plakat. Unter Lafontaines Konterfei steht: „Damit es im Land gerecht zugeht.“ Bartsch betont, ohne Lafontaine hätte man bei der Bundestagswahl im Westen nicht rund acht Prozent und im Saarland bei der Landtagswahl nicht 21,3 Prozent geholt. Aber wer künftig der Linken ein ähnlich großes Gewicht verleihen könnte wie Lafontaine, ist die Gretchenfrage. Die Personaldecke an bekannten Führungspersönlichkeiten ist dünn, die meistgenannten Kandidaten lassen sich an drei Fingern abzählen: Klaus Ernst, Gesine Lötzsch und Gysi. Wie groß die Not der Linken nach Lafontaines Rückzug wegen seiner Krebserkrankung ist, wird an den Rufen nach Gysi als Parteichef deutlich. Er ist auch schon 62, zudem hatte er immer wieder mit schweren gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Zwar wäre er wie kein Anderer in der Lage, die Partei zusammenzuhalten, aber der Fraktionsvorsitzende wäre eine Übergangslösung. So oder so: Die Nachfolge soll rasch geklärt werden. Wird es nicht Gysi, gibt es wohl eine West-Ost-Doppellösung. „Verbrannt“ für den Parteivorsitz sind vorerst die als Hoffnungsträger einst gefeierten Bodo Ramelow und Dietmar Bartsch. Ramelow, dem solche Ambitionen nachgesagt werden, hat sich etwas ins Abseits manövriert, weil er im November nach Bekanntgabe der Krebserkrankung Lafontaines eine Nachfolgedebatte anstieß. Bartsch will sich nach dem Disput um Lafontaine ab Mai auf seine Arbeit als Fraktionsvize konzentrieren. Er ist ein Kandidat für den Fraktionsvorsitz, wenn Gysi abdankt. Favoriten sind der Mitbegründer der westdeutschen WASG, Klaus Ernst, und Gesine Lötzsch, die 2002, 2005 und 2009 das Direktmandat in Berlin-Lichtenberg für die Linke gewann. Einem größeren Publikum sind sie bisher kaum bekannt. Doch die vom Streit zwischen Fundis und Realos, Regierungswilligen und Regierungsunwilligen, Ost- und West-Politikern erschütterte Partei braucht ohnehin zunächst einmal innere Ruhe. Die Rede von Ernst bei der Fraktionsklausur am 11. Januar klang schon wie eine Bewerbung für den Parteivorsitz. Er gab den Versöhner und sagte Sätze wie: „Die Linke ist dann erfolgreich, wenn sie in Ost und West verankert ist und gemeinsam kämpft.“ Lötzsch gilt als Pragmatikerin, die durch ihre langjährige Parlamentsarbeit allseits geschätzt ist. Die auch für den Parteivorsitz gehandelten Politikerinnen Dagmar Enkelmann und Petra Pau, beides Ost-Frauen, schlossen eine Kandidatur aus. Die Berlinerin Pau sagte MDR Info: „Es ist allgemein bekannt, dass ich Vizepräsidentin des Bundestages bin und Innenpolitikerin. Damit bin ich voll ausgelastet.“ Auch die parlamentarische Geschäftsführerin der Bundestagsfraktion, Enkelmann aus dem Oderland, schloss im Deutschlandradio Kultur eine Kandidatur aus und sagte: „Ich gehöre zu denen, die ganz klar sagen: Ja zu einer Doppelspitze, Männlein-Weiblein, Ost-West .“ Georg Ismar
Georg Ismar
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