"Wie wir Weihnachten feiern? Na ganz normal", sagt Timur Arinov mit warmer dunkler Stimme und russischem Akzent. Dabei blitzt der Schalk aus seinen Augen. Elena, seine Frau, stimmt ins Lachen ein. Manche Aussiedler feiern wie in Deutschland üblich, andere nur Silvester wie in der alten Heimat das Jolka-Fest. "Wir feiern beides", sagt Elena. Sie freut sich auf Heiligabend. Dann trifft sich die komplette Familie bei ihrer Mutter. "In großer Runde sitzen Jung und Alt gemütlich zusammen und lassen es sich schmecken. Das ist Tradition bei uns." Es gibt Weihnachtsbraten - Gans, Ente oder Kaninchen. "Und meine Mutti macht deftigen Strudel." Elena erklärt, dass im Teig eingerollt Fleisch und Sauerkraut verborgen sind. In Kasachstan, wo sie bis 2001 zuhause waren, hieß es, das sei ein deutsches traditionelles Gericht. "Aber Strudel ist hier ja ganz was anderes, etwas Süßes", meint die 38-Jährige schmunzelnd.

In der alten Heimat gab es am Heiligen Abend nur Süßes als Mitbringsel für die Familienmitglieder. Die eigentliche Bescherung folgte Silvesternacht beim Jolka-Fest - Jolka heißt die Tanne auf Russisch - mit dem das neue Jahr begrüßt wurde. Timur erinnert sich, dass auf diesen Tag beziehungsweise die Nacht alle hinfieberten. Da beschenkten sich erst die Kollegen, die Nachbarn, und am Abend sei dann richtig schön gefeiert worden. Am besten hatten es die Jüngsten in den Kindergärten und Schulen. Den halben Dezember lang feierten sie mit Snegurotschka, dem Schneemädchen, und Väterchen Frost. Die russische Weihnacht dagegen wird erst am 7. Januar gefeiert. "Aber nicht bei uns, denn an dem Tag haben wir einen anderen Grund zum Feiern. Es ist der Geburtstag von unserem großen Sohn", erzählt Elena.

"Jetzt gibt es bei uns wie hier in Weißwasser üblich am 24. Dezember die Geschenke. Schon wegen der Kinder", meint Elena.

Die beiden Feiertage gehören dann dem Paar und den Söhnen Max (16) und Alex (12). Es wird gemeinsam etwas unternommen. "Und Silvester feiern wir meist ausgelassen mit Freunden."

Wenn die Arinovs an ihre ersten Jahre in Weißwasser denken, war es keine einfache Zeit. Der Hochschulabschluss im kaufmännischen Bereich, den sie in Kasachstan erfolgreich erwarben, nutzte dem Paar in Deutschland gar nichts. "Wir konnten kein Deutsch", nennt Timur den Grund. Er wollte auch gar nicht hierher. "Aber von meiner Frau waren viele Verwandte in Deutschland, ihre Mutter und Geschwister. Da hielt Elena nichts mehr in Kasachstan." Auch nicht, dass sie beide arbeiten gingen und ein normales Leben führten.

Elena kam schwanger nach Weißwasser. "Alex wurde dann hier geboren. Meine Integration hat dadurch sehr lange gedauert", gibt sie zu. Erst als der Kleine in die Kita kam, ging sie zur Volkshochschule, um Deutsch zu lernen. Sie und ihr Mann haben viel ausprobiert, um beruflich Fuß zu fassen, um niemandem auf der Tasche liegen zu müssen. "Ohne richtige Sprachkenntnisse und obwohl er oft nur ‚Bahnhof' verstand, nahm Timur sämtliche Arbeiten an, die er bekommen konnte."

Dass er vor fünf Jahren bei Radio WSW anfangen konnte, sei ein absoluter Glücksfall für ihn gewesen, weiß Elena. Sie erinnert sich, wie er zuhause erst mit einer kleinen Kamera gefilmt und erste Aufgaben angenommen hat. Timur bejaht das nickend und sagt: "Anfangs war ich Mädchen für alles, habe Schritt für Schritt gelernt, mit der großen Kamera umzugehen." Inzwischen ist der 39-Jährige stattbekannt. Der lokale Radio- und Fernsehsender wurde vor drei Jahren auch Elenas berufliches Zuhause. "Ich arbeite am Schnittplatz und für den Infokanal." Und wenn sie Timurs Aufnahmen mal zu stark einkürzt, kann es auch Zoff geben zwischen ihnen, meint die temperamentvolle Elena.

Dass sie 2001 nach Weißwasser kamen, bereut das Paar absolut nicht. "Für unsere Kinder ist es das Beste. Sie gehen aufs Gymnasium und haben viele Möglichkeiten. Ihr Leben spielt hier, und da gibt es kein zurück." So schwer wie den Eltern anfänglich Deutsch fiel, ist es Russisch bei den Jungs. "Wir bemühen uns, dass sie es lernen. Schon wegen der Telefonate mit Timurs Mutti im 5000 Kilometer entfernten Karangada, seiner Schwester und Oma in Krasnojarsk." Dass sich die Arinovs heimisch fühlen in Weißwasser, zeigt ihre neue Errungenschaft: "Wir haben jetzt einen Garten . . ."