Der Traum vieler Kunstsammler hat sich bei der Jubiläumsausstellung der Gruppe „Nachtlabor“ erfüllt. Sie konnten nicht nur aus fertigen Werken nach ihrem Geschmack auswählen, sondern selbst die Arbeiten mitgestalten. Möglich machte dies eine ganz besondere Idee der Galerie Sonntag und der beteiligten Künstler.
Wände und Fußböden der Ausstellungsräume einschließlich der Fenster waren für die Aktion komplett mit Packpapier tapeziert worden. Diese „Kultur-Höhle“ malten die Gruppenmitglieder vier Nächte lang aus. Es entstand ein aus Zeichen, Figuren, Formeln und Worten bestehendes, beeindruckendes Gesamtkunstwerk mit begrenzter Lebensdauer. Erweitert wurde dieser Eindruck durch eine Skulpturengruppe.
Einen Teil der Arbeiten „mit Füßen zu treten“ war für viele Besucher gewöhnungsbedürftig. Doch die Band „Roter Heizkörper“ half mit ihren unüberhörbaren Auftritten über dieses ungewohnte Verhalten gegenüber künstlerischen Arbeiten hinweg. Wie die Arbeiten in der Galerie war auch die musikalische Untermalung einmalig. Als „Heizkörper“ hatten sich Mitglieder der Gruppe „Sandow“ mit anderen Musikern zusammengefunden, um speziell für diesen Abend komponierte Stücke zu spielen.
Während der Musik wanderten viele Blicke abschätzend auf den Wänden und dem Fußboden herum. Viele Gäste suchten ihr „Kunstwerk“ . Als die Musik verstummte, dauerte es nicht lange und der erste Sammler ergriff einen Passepartout und legte ihn über ein Wandstück. Das entstehende Bild wurde noch kurz korrigiert und dann ging eine Galeriemitarbeiterin ans Werk. Sie schnitt nach der Vorgabe den gewählten Bildteil aus dem Gesamtkunstwerk. Die Arbeit wurde dann sorgfältig verpackt und konnte mit nach Hause genommen werden.
Auch weitere Sammler ließen sich von der Verkaufsidee inspirieren, selbst ein Bild zu kreieren. Die Rahmen in den Größen DIN A 2 und DIN A 3 wurden auf immer neue Wandabschnitte gelegt. Wo vorher großformatige Figuren und Zeichen in kräftigen Farben leuchteten, breiteten sich immer mehr weiße Flecken aus und die Kasse wurde voller. Wer unauffällig nach seinem Motiv Ausschau halten wollte, nutzte dafür die mit einem Sichtfenster versehene Einladung.
Neben dieser Form der „Aneignung von Kunst“ wurden dreifarbige signierte Original-Siebdruckplakate, Bücher und Skulpturen der Künstlergemeinschaft „Nachtlabor“ angeboten. Diese hat sich vor fünf Jahren zusammengetan, um gemeinsam zu arbeiten. Inzwischen entstanden viele Ausstellungen, Bücher und Raumgestaltungen. Die Galerie Sonntag wurde seit dem Vorjahr zu einer Art Stammhaus.
„Wir haben so viele seriöse Ausstellungen in den vergangenen Jahren gestaltet, da wollten wir das Jubiläum mit etwas Besonderem, Ungewöhnlichem feiern“ , sagte Hans Scheuerecker. „Das Publikum wird angeregt, sich einzubringen und über die endgültigen Werke mitzuentscheiden und auszuwählen. Es ist für uns Künstler interessant mitzuerleben, wofür sich die Sammler letztlich entscheiden.“