Bald wurden wir eines Besseren belehrt. In der zweiten Februarwoche musste mein Vater - bisher im Borsigwerk tätig - zum Volkssturm einrücken. Einsatzort war die Neißebrücke bei Schlagsdorf. Dort wurde er am zweiten Tag bei einem Tieffliegerangriff an der Schulter verwundet.
Meine Gefühle als knapp 14-Jähriger schwankten zwischen Angst und Abenteuerlust. So beobachtete ich einen Luftkampf über der Stadt aus unserem Wohnungsfenster in der Kupferhammerstraße. Das Aufstellen von zwei 10,5-Haubitzen an Wollfermanns Gasse - etwa dem jetzigen Parkplatz des Real-Marktes entsprechend - löste in mir ein mulmiges Gefühl aus, ebenfalls die Aufstellung einer großkalibrigen Panzerabwehrkanone am Neißedamm bei Grunewald mit Schussrichtung Groß Breesen. Fliegerangriffe häuften sich in Richtung Bahnhof und Cottbuser Chaussee. Ich konnte Treffer von einem Angreifer durch die Leuchtspur der Zweizentimeterflak des Bahnhofes beobachten. Der Flieger zog eine dicke Rauchfahne hinter sich her.

Das Haus zitterte
Im Garten unseres Mietshauses stand ein 8,8-Flakgeschütz. Wenn das schoss, zitterte das Haus und wir rannten in den Keller, zum Lächeln der hier stationierten Soldaten. Sie betrieben in der unteren Etage eine Schreibstube.
Schließlich wurde das Wohnen im zweiten Stock zu gefährlich. Die Feldhaubitzen schossen, und aus Richtung Groß Gastrose war Gefechtslärm sehr deutlich zu hören. Wir zogen zum Schlafen in den Keller. Die Kellerfenster wurden durch Sandkisten geschützt.
Richtig Angst bekam ich, als Infanteriefeuer aus Richtung Grunewald/Neiße zu hören war. Dazu rollten noch drei Sturmgeschütze in die Kupferhammerstraße und hielten Kampfpause. Die Soldaten versorgten sich mit Eingewecktem aus den umliegenden Häusern, aßen, dabei seelenruhig auf den Panzern sitzend, und verfolgten die Flieger. Ich rannte sofort in den Keller. Später fuhren sie zum Einsatz ab.
Immer wieder rieten uns Soldaten zum Verlassen der Stadt. Hier würde es furchtbar werden, betonten sie. Es gab noch elektrischen Strom. Eine Mieterin der Parterrewohnung betrieb ihren Herd als Heizung. Sehr junge Soldaten kamen herein und wärmten sich. Man sah auch vermehrt Leichtverwundete vorbeigehen.
Schließlich reifte in unseren drei Familien der Entschluss, per Fahrrad die Stadt zu verlassen. Dies ging aber nur bei Dunkelheit.

Ein Brief als Beschützer
Zuvor musste ich noch einen so genannten „Himmelsbrief“ , den meine Mutter von der alten Frau Klauke aus dem Nachbarhaus besorgt hatte, abschreiben. Er wurde dann gefaltet, eingenäht und an einer Schnur um den Hals getragen. Dies sollte uns beschützen, was auch eintrat.
Am 20. Februar war es dann soweit. Wir sattelten unsere Räder und fuhren bei Dunkelheit los Richtung Westen. An der Kreuzung Cottbuser Straße bekam mein damals noch kindliches Gemüt einen groben Schock. Feuerherde in der Stadt, Flüchtlingstreiben auf der Straße, Militärfahrzeuge, vor uns zottelte eine Frau mit Kind einen kleinen Handwagen. Wir mit Rädern waren schneller. Zerstörte Fahrzeuge waren rechts und links zwischen Guben und Schenkendöbern zu sehen - das Werk der Schlachtflieger. Dies alles löste in mir ein Gefühl von Angst aus, kein Abenteuer mehr.
Lieberose, Groß Leuthen, Luckau und Falkenberg waren unsere Stationen. In Falkenberg trennten wir uns von zwei Familien unseres Hauses. Sie fuhren weiter nach Bayern. Per Bahn - die Räder im Packwagen - kamen wir nach Finsterwalde. Das Gesellschaftshaus war unsere Unterkunft. Hier erlebte ich meinen 14. Geburtstag und schlief auf der Bühne im Stroh.
Finsterwalde verließen wir am 30. April zu Fuß Richtung Guben.