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Bühne

Grabung nach Deutschland mit Grabbe

Senftenberg Christian Dietrich Grabbe hat es nicht leicht gehabt mit Deutschland, und er hat es dem Theater mit seinen Stücken nicht leicht gemacht. Nun unternahm die Neue Bühne Senftenberg den staunenswert ehrgeizigen Versuch, sich mit dem 1801 im Detmolder Zuchthaus (in der Dienstwohnung seines Vaters, einem Zuchthausaufseher) geborenen Dramatiker, der mit seinen Geschichtsdramen als Vorläufer eines realistischen Theaters gilt, zum 6. GlückAufFest hinein in deutsche Geschichte zu graben, - und dabei zugleich auch deutsche Gegenwart zu meinen.
„Grabbes Grab“ mit Bernd Färber in der Titelrolle. Foto. Rasche
Ins Theater geht es diesmal auf einem Steg, unter dem Archäologen in weißer Schutzkleidung tätig sind. Sie graben nach Vergangenem und legen Knochen, Helme und Scherben frei. Während auf dem Vorplatz drei Förderbänder verschiedenfarbige Erdhaufen aufgeschüttet haben, in Schwarz, in Rot und in Gold. Vier Stücke von und eines über Grabbe, von denen der Zuschauer an einem langen Abend drei sehen kann, erzählen vom Leben und Werk eines schwierigen Dramatikers, der nach 1789 in einer in Restauration und Stagnation mündenden Umbruchszeit an der gesellschaftlichen Wirklichkeit und ihrer literarischen Spießigkeit litt und zerbrach. Seine Stücke sind schwere Brocken, mit denen die Neue Bühne bei ihrer langen, von 17 Uhr bis nach Mitternacht dauerndem Theaterfest sich selbst wie ihre Zuschauer gleichermaßen fordert.

Grablandschaft

Doch die Neue Bühne hat Erfahrungen gemacht und Erfolge gefeiert mit Theaterfesten. So wurden diesmal vor und im Theater etliche Trinkhallen eingerichtet (Grabbe starb als Alkoholiker), mit unterschiedlichen Angeboten an Speisen und Getränken, und zwei lange Pausen gliedern den Abend. Der für alle mit Sewan Latchinians Inszenierung seines eigenen, 1986 in Schwerin uraufgeführten Stückes „Grabbes Grab“ beginnt. Auf der Bühne eine Grablandschaft, vor halb heruntergelassenem Eisernen Vorhang, hinter der schwarze Leere gähnt (das tolle Bühnenbild stammt von Tobias Wartenberg). Figuren krabbeln aus der Erde hervor, während die Gruppe Wallahalla, mit grellen Totenköpfen versehen, zu diesem Totentanz-Bilderbogen über Grabbes Leben ihre schräg-traurige Katzenmusik beisteuert. Latchinians Stück zeigt Grabbes letzte Wochen als Leidensweg hin zum Tode. Grabbe steht, säuft, denkt und räsoniert: Er wird nicht wie so oft als „betrunkener Shakespeare“, nicht nur als das große, verkannte Genie gezeigt, sondern als ein leidenschaftlich suchender Mensch voller Widersprüche, mal anrührend, mal unangenehm monomanisch. Bernd Färber spielt das sehr lebendig und differenziert. Sein Grabbe handelt weniger, als dass er denkt und vor allem redet. Seine Frau und sein Haus in Detmold hat er wegen seiner Theaterambitionen verlassen. Wenn der erfolglos Gebliebene dorthin zurückkehrt, hat seine Frau längst einen Liebhaber und behandelt Grabbe mit heftiger Ablehnung, aber auch mit Herrschsucht und gelegentlich wieder erwachender Geilheit. Die voluminöse Eva Kammigan spielt all dies bravourös, wenn auch mit zuweilen allzu starkem mimisch-gestischem Einsatz. Deutsche Zustände: Eine Figur mit riesigem, traurigem Pappkopf und dem Spruch „Ich bin das Volk“ auf dem T-Shirt, fragt, kommentiert und denkt nach. Eine statisch wirkende Zustandsbeschreibung, bei der nicht nur manche Stückfiguren, sondern, trotz der ästhetischen Kraft der Inszenierung, auch die Zuschauer nach einiger Zeit sehnsüchtig auf Grabbes Tod warten.

Macher und Führer

Für Grabbes „Napoleon und die Hundert Tage“ geht es in ein Zirkuszelt im Hof. Regisseur Peter Schrot hat Grabbes umfangreiches Stück stark bearbeitet und aus dessen ungeheurer Wortmasse eine noch immer fast zweistündige Fassung montiert. Bei Grabbe beginnt es mit einem Jahrmarktstreiben, bei dem zugleich ein Raritätenkabinett mit den Bourbonenkönigen und eine Tiermenagerie gezeigt werden. Bei Schroth stellen sechs Schauspieler, die sich durch über 100 Rollen spielen, in wie aufgestellte Särge wirkenden Kabinen ihre Haltung aus, zur politischen Restauration, zur gesellschaftlichen Stagnation und zu Napoleon. Dabei geht es ruckzuck: Vorhang auf, Auftritt, Vorhang zu, und die Musik spielt dazu. Man trägt über weißer Unterwäsche charakterisierende Uniformteile. Während Grabbe mit seinem antiheroischen Geschichtstheater, trotz „heimlicher Titanenliebe“, vor allem eine ausführliche dramatische Individualisierung der Massen versucht, tritt bei Schroth die Ebene der Macher und Führer in den Vordergrund. Hoch oben auf den Kabinen zaudert der Bourbone, philosophiert und deklamiert Heinz Klevenows Napoleon und sprechen die siegreichen Blücher und Wellington ihre Schlussworte. Die Inszenierung vergegenwärtigt Geschichte in Momentaufnahmen. Da sie aber keine richtige Bühnenhandlung besitzt, wirkt sie trotz ihrer spielfreudigen Schauspieler, vieler Wechsel in der Sprechweise und einfallsreicher Licht- und Musikeffekte recht bald monoton und unbedingt kürzungswürdig.

Mit der Inszenierung von Grabbes „Die Hermannsschlacht“ ist dagegen Sewan Latchinian ein großer Wurf gelungen. Latchinian hat gemeinsam mit der Dramaturgin Gisela Kahl Grabbes ausuferndes Drama über den Kampf der Germanen gegen die römische Fremdherrschaft, das der Dichter ohne jede Rücksicht auf die realen Möglichkeiten einer Bühne entworfen hat, erstaunlicherweise in der kleinen Studiobühne des Hauses inszeniert, als Geschichtspanorama. Acht Schauspieler teilen sich in die zahlreichen Rollen eines Stückes, das Latchinian als fantasievoll bebilderte Sprachoper beginnen lässt. Insgesamt wirkt die Inszenierung fast filmisch in ihren Mitteln und ihrer Struktur. Grabbes Texte blühen auf, und der Zuschauer erhält immer neue Assoziationsangebote.

Grandioses Spiel

Man folgt diesem grandiosen Spiel, das eindringlich vor jedem Machtmissbrauch warnt, mit Faszination und Begeisterung. Was die Schauspieler Juschka Spitzer, Eva Kammigan, Ralf Anolleck, Till Demuth, Dan Florescu, Friedrich Rößiger, Mirko Warnatz und Alexander Wulke im kongenialen Bühnenbild von Tobias Wartenberg bieten, gehört zum eindringlichsten, was ich seit Langem gesehen habe, nicht nur in Senftenberg.

Grabbes „Hannibal“ konnte ich nicht sehen, da ich an nur zwei Tagen in Senftenberg war, doch in der Pause nach dem zweiten Durchgang hörte ich über die Inszenierung von Esther Undisz nur Gutes.

Gutes kann ich von Veit Schuberts Inszenierung des Lustspiels „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“ nicht berichten, das den Abend in der dritten „Grabung“ beschloss. Grabbes Satire über alle gesellschaftliche Schichten, die sich nach dem Wiener Kongress wie in einem Warteraum für Hoffnungen und Ängste wähnen, ist eine Zustandsbeschreibung. Und eine groteske Typenparade. Doch Regisseur und Ensemble fanden keinen erkennbaren inhaltlichen Punkt und keine theatralische Form für die zeitgebundene Schärfe des Stücks. Kraft- und witzlos, weder heutig noch gestrig und mit uninspirierten Schauspielern schleppte sich die Inszenierung eines Stückes dahin, das den Zuschauer mit intelligentem Witz und schauspielerischen Bravourstückchen aus einem langen Theaterabend hätte entlassen können, ja müssen.

Wenn auch nicht alle Inszenierungen des 6 GlückAufFestes überzeugten, so war es insgesamt doch ein großes und künstlerisch beeindruckendes Theaterfest.
Von Hartmut Krug
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