23. Juli 2010, 00:00 Uhr

Plakate als Ausdruck einer Demokratiekultur

„100 beste Plakate 09“ im Berliner Kulturforum

Zwar findet bei diesem Genre die Kunst nicht im Saale statt. Im Fall des Wettbewerbs „100 beste Plakate 09“ jedoch hat es das Foyer der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen im Kulturforum am Potsdamer Platz in Besitz genommen.

Axel Watzke, „Demokratiebuchstabiert“. Repro: pr
Und das in Folge zum vierten Mal. Ein idealerer Ort konnte nicht gewählt werden. Immerhin werden dort seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert Plakate gesammelt. Die Sammlung Grafikdesign mit etwa 150 000 Blatt und 100 000 Plakaten zählt heute zu den bedeutendsten in Deutschland. In diesem Jahr ist der Plakat-Wettbewerb zum zehnten Mal im internationalen Maßstab ausgeschrieben worden. Ins Leben gerufen wurde er unter anderen Prämissen 1966 in der DDR. 65 prämierte Arbeiten des vergangenen Jahres kommen aus Deutschland, 31 aus der Schweiz und vier aus Österreich. Konzipiert hat die Wettbewerbschau ein Studententeam der Hochschule für Gestaltung Offenbach am Main.

Lebensraum Straße

Der Betrachter fühlt sich beim Gang durch die mit Plakaten bestückten Aufsteller schnell inte-griert in das, was ihm auf Schritt und Tritt begegnet. Gespickt ist diese Plakat-Parade mit einer Reihe von Zitaten. Sie geben der Präsentation außerhalb des »natürlichen Lebensraumes« des Plakates, der Straße, die letzte Würze.

Henning Wagenbreth, zeitweiliger Präsident des 2001 in Berlin gegründeten Vereins »100 Beste Plakate e.V.«, bringt das auf den Nenner: »Inhaltliche und gestalterische Vielfalt von Plakaten sind Ausdruck einer Demokratiekultur, die Widerspruch zulässt, den Mainstream hinterfragt und sich dem Bilderdiktat zentralisierter Massenmedien widersetzt.«

Und genau darum geht es offensichtlich den Unentwegten, die nach der Wende 1989 sich neu formierten und ihre Ziele neu konzipierten. Bereits 2002 war man soweit, den Wettbewerb auf das gesamte deutsche Sprachgebiet auszudehnen und die erste deutsch-österreichisch-schweizerische Auswahl der »100 besten Plakate 01« zu präsentieren. Angesprochen werden nach wie vor Grafik-Designer, Büros, Werbeagenturen, Studierende sowie auch Auftraggeber und Druckereien. Die Initiatoren haben inzwischen die Wettbewerbs-Latte höher angelegt. Ihr Ziel ist es, zu einem »Gradmesser internationaler Plakat-Designs im Zentrum Europas« zu werden. Nach Berlin wird die Plakatschau nach Essen, Luzern (Schweiz), Wien und Dornbirn (Österreich) touren.

»Der plakative Zwang, Botschaften auf einen Bogen für den schnellen Blick des Flaneurs zu visualisieren, hat die Künstler immer wieder herausgefordert«, wird Ulrich Roloff Momin zitiert. Dafür einige Beispiele: »Kann denn Sünde Liebe sein«, wird augenzwinkernd auf einem »Sündenfall«-Plakat mit Adam und Eva im Mittelpunkt gefragt. Auftraggeber war die Museumsinsel Berlin und als Gestalter/Designer werden Ott und Stein genannt. Eine der eindrucksvollsten Arbeiten entstammt einer Plakataktion der Regisseurin und Schauspielerin Beate Göbel in den Linzer O-Bus-Haltestellen. Sie sollte dazu anregen, den Blick mehr nach innen zu richten. Inmitten von wirbelnden weißen Punkten ist auf schwarzem Hintergrund ein Zitat der buddhistischen Nonne L. Yeshe Sangmo zu lesen: »Gedanken sind wie Schneeflocken, die auf eine heiße Herdplatte fallen.« Emotional geladen sind auch jene Blätter, die den Arten- und Umweltschutz zum Inhalt haben. Dazu zählt das hochaktuelle »Stoppt den Walfang« mit der aus dem Meer herausragenden Flosse eines Wales auf blutrotem Hintergrund.

Kunstbibliothek Zentrale Eingangshalle, bis 25.7., Di - Fr

10 - 18 Uhr, Do 10 - 22 Uhr, Sa und So 11 - 18 Uhr, Eintritt frei
Extras zum Artikel
Artikel Teilen:
Artikel-Aktualisierungen:

Erstellt am: 23. Juli 2010, 00:00 Uhr
Geändert am: 23. Juli 2010, 02:41 Uhr
Autor: Von Albert Jaritz

Von Albert Jaritz