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Kultur

Pianist bringt stumme Bilder zum Klingen

Morgen um 21 Uhr wird es im Hof der Brikettfabrik «Louise» in Domsdorf (Elbe-Elster) mit einem Schlag stockdunkel werden. «Asphalt» von 1928/29 flackert zur 4. Filmnacht über die Leinwand. Begleitet wird der Krimi vom Berliner Pianisten Stephan von Bothmer. Sein StummfilmKonzert stellt die Musik gleichberechtigt neben den Film.
18.08.2006
Pianist bringt stumme Bilder zum Klingen
Das Zelluloid rattert durch den Projektor: Filmnacht 2005 in der Brikettfabrik «Louise» in Domsdorf.
In das Rattern des Filmprojektors werden sich morgen Klavier- und Hammond-Orgel-Klänge mischen – und es wohl übertönen. «Ich orientiere mich am heutigen Erleben» , sagt der Pianist Stephan von Bothmer. Deshalb richtet er sich nach den Hörgewohnheiten des Publikums im 21. Jahrhundert. Um in etwa den kinoüblichen Klang zu treffen, verstärkt er das Klavier. Der 35-Jährige nennt seine Veranstaltungen StummfilmKonzerte und betont damit die gleichberechtigte Stellung der Kunstformen Musik und Film. Seit 1998 vertont er stille, laufende Bilder. Alle zwei Wochen tritt von Bothmer im Berliner Kino Babylon auf. Außerdem komponiert und produziert er Filmmusik.

Film von 1928/29
Im Gespräch mit dem Pianisten sei der Krimi «Asphalt» für die diesjährige Filmnacht in der «Louise» ausgewählt worden, erklärt Mechthild Passek, Mitarbeiterin der Öffentlichkeitsarbeit in der Domsdorfer Brikettfabrik. Der Streifen aus den Jahren 1928/29 entwickelt sich zur Liebesgeschichte. Er erzählt von der Juwelierdiebin Brillantenelse, die von Polizeiwachtmeister Holk geschnappt wird. Doch sie verführt den jungen Mann, der daraufhin von einer Anzeige absieht. Sein zweiter Besuch bei Else jedoch endet tragisch: Holk wird von ihrem Freund, einem international gesuchten Gangster, angegriffen. Bei der Auseinandersetzung stirbt der Freund. Holk steht unter Mordverdacht und wird von seinem eigenen Vater, einem Hauptwachtmeister, festgenommen. «Krimi und Dreiecksgeschichte sind immer eine knisternde Sache. Ich glaube, dass der Film das Publikum anspricht» , sagt Passek. Zwar sei das Werk von Regisseur Joe May kein Klassiker wie Fritz Langs «Metropolis» . Dennoch passe «Asphalt» mit seinen geheimnisvollen Gestalten sehr gut in die Atmosphäre des Technischen Denkmals. «Die Zeit, in der die laufenden Bilder entstanden, war ja auch die Epoche der aufstrebenden Industriealisierung» , erläutert Mechthild Passek. Die Filmnacht integriert den Industriestandort in die Aufführung. Die Bilder werfen Licht und Schatten auf den Hof und setzen das Gebäude so in Szene. Die Domsdorfer «Louise» ist die älteste Brikettfabrik Europas. 1908 wurde die Kraftwerks halle erbaut. Die Schwarz-weiß-Optik werde in den außen sichtbaren Rohrleitungen reflektiert und erzeuge eine düstere, mystische Stimmung, beschreibt Passek. Die hohen Gebäude gewährleisten zudem eine sehr gute Akustik. «Der Ton bleibt im Innenhof» , sagt sie.
Klassische romantische Elemente, die gut zum Stummfilm passen, will der Pianist mit modernen Klängen und neuer Musik von Bela Bartok koppeln. «Ich spiele meinen Stil» , sagt er. Seine Herangehensweise an einen Auftritt wie den in der «Louise» sucht den Mittelweg zwischen zwei Extremen: einer perfekt ausgearbeiteten Version, die synchron zum Film abgespult wird und dem völligen Verzicht auf Vorbereitung. «Ich beschäftige mich vorher mit dem Film, überlege mir, was sagt das Werk mir heute und reagiere mit der Musik darauf» , erklärt von Bothmer. Dennoch improvisiere er auch an einem solchen Abend. «Da sind Film, Publikum, Ort und ich und wir sehen, was passiert.»
Die Interpretation ist später nicht mehr reproduzierbar. «Das hat für mich etwas Anachronistisches» , sagt Stephan von Bothmer. In einer Zeit, in der immer mehr und immer schneller vervielfältigt wird, bietet er dem Publikum ein einmaliges Erlebnis. Modernes Kino fordere zunehmend ein «höher, schneller, weiter» , etwa in Bezug auf Special-Effects. «Das macht der Stummfilm so gar nicht mit» , sagt von Bothmer. Dies könnte einer der Gründe dafür sein, dass das Genre dieser Tage eine Renaissance erlebt. Reizvoll sei es für das Publikum außerdem, weil es sich künstlerisch vollkommen vom Tonfilm unterscheidet. «Dieser hat mit seiner dazu aufgenommenen Musik im Gegensatz zum Stummfilm nichts Konzertantes mehr» , erläutert der Pianist. Auch stelle Letzterer viel mehr die Urzustände des Seins dar, während es im Tonfilm vor allem um das Erzählen einer Handlung gehe.

Zwei Farben und leise Töne
Mechthild Passek von der Brikettfabrik «Louise» macht beim Publikum ebenfalls einen Trend zum Stummfilm aus: «Unsere Welt ist sehr bunt, schrill und laut, ich denke, dass der Zuschauer deshalb wieder zur Zweifarbigkeit und zu leiseren Tönen tendiert» , sagt sie.
Im vierten Jahr organisieren die Verantwortlichen vom Technischen Denkmal die Reihe, unterstützt durch Landkreis und Sponsoren. «Wir haben die Reihe Filmnacht genannt, weil wir nicht wussten, ob wir uns auf Stummfilme festlegen wollten.» Bislang aber stimmt die Resonanz auf diese Kunstform. Deshalb setzten die Initiatoren auf Kontinuität. «Und die Stummfilme passen eben sehr gut zum Industriemilieu» , sagt Passek.
Der Film «Asphalt»
  • Deutschland 1928/29
  • Regie: Joe May
  • Darsteller: Albert Steinrück, Else Heller, Gustav Fröhlich, Betty Amann, Hans Adalbert Schlettow, Paul Hörbiger, Hans Albers
  • 4. Filmnacht in der Brikettfabrik Louise, 04924 Domsdorf, Louise III
    Eintritt: zehn, ermäßigt acht Euro.

  • Von Christina Dirlich
     
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