Neue Heilige und die unsterbliche Chrysantheme
Plakatausstellung zum Thema Umwelt öffnet im Cottbuser Kunstmuseum Dieselkraftwerk
Cottbus Eine Ausstellung internationaler Plakate zum Thema Natur und Umwelt ist gestern im Cottbuser Kunstmuseum Dieselkraftwerk eröffnet worden. Sie trägt den Titel „Es geht um die Welt“ und zeigt etwa 130 Arbeiten von 72 Grafikdesignern.
Es geht um nichts Geringeres als um die Welt – die Umwelt. Ein Thema? Tausend Themen. Und wir alle sind dafür mitverantwortlich, dass unser Planet unter der Last der Menschen ächzt. Die Plakate halten uns den Spiegel vor, fordern uns auf, innezuhalten, nach- und umzudenken, zu helfen, wo Hilfe vonnöten ist – uns unseres Menschseins zu erinnern. Beeindruckend, wie ideenreich das geschieht.
Gleich am Eingang hängen mehrere Arbeiten zweier junger Künstler aus Berlin Various & Gould, die auf modernen Heiligenbildern die Nothelfer unserer Zeit vorstellen. Den Hartz-IV-Heiligen und Prekariats-Patron St. Redundus etwa. Einer Beschreibung neben dem Plakat kann man entnehmen, dass er der Schutzpatron der Arbeits- und Obdachlosen, Aussteiger, Tramper und Bettler, der Straßenkinder, Flaschensammler und Alkoholiker ist. Dargestellt ist er mit Flaschenbeutel in der einen und Schneekugel in der anderen Hand. Die Kleidung zusammengestückelt. Auf dem Hut hockt ein Rabe – in der historischen Heiligendarstellung Attribut des Benedikt. Zufällig heißt der aktuelle Papst so.
Weil ein Heiliger selten allein kommt, gibt es eine ganze Serie davon. In Cottbus sind außerdem Santa Therma, die Heilige des Klimawandels und Schutzpatronin der Küstenbewohner und Inselstaaten, St. Cargo, der Globalisierungsheilige, Patron der Flüchtlinge und Boat-People, St. Gentrifizian, Patron der Hausbesetzer, Vermummten und Graffitisprüher sowie Santa Tortura, Vertreterin der Märtyrer, Gefangenen und Gequälten zu finden. Letzter im Bunde ist St. Spekulatius, der Münz- und Scheinheilige. Es verwundert nicht, dass er gleichzeitig seine behütende Hand über Banken und Finanzmakler wie über Diebe und Betrüger hält. Gut, dass diesen Arbeiten Erklärungen beigegeben sind, die haben außerdem einen gewissen satirischen Unterhaltungswert.
Die meisten Plakate erklären sich von selbst. Bei Lex Drewinski aus Polen verwandelt sich der rote Sonnenball der japanischen Flagge in eine Blutlache, aus der ein Walschwanz ragt. Lanny Sommese aus den USA hat Mann und Maus auf den Baum gejagt, einer Arche gleich, wo sie verloren sitzen. Es ist eine Arbeit aus seinem Hurrikan-Plakatprojekt. Und auch, was uns der Slowake Attila Téglás mit seiner fossilen Plastikflasche sagen will, liegt auf der Hand. „Apokalyptische Vision“ hat er das Plakat untertitelt. Der Cottbuser Grafiker Meinhard Bärmich zeigt die Erde mit lachendem und traurigem Gesicht. Unter dem lachenden steht: Today we call our earth the blue planet (Heute bezeichnen wir unsere Erde als blauen Planeten). Unter dem anderen Gesicht findet sich nur ein Fragezeichen.
Auf sehr poetische Weise hat Yossi Lemel aus Israel das Einssein von Mensch und Natur dargestellt – Gräser sprießen aus den Wimpern einer Schlafenden. Ähnliches gilt für Götz Gramlich, der mit seinem Plakat zur Hilfe für die Erdbebenopfer von Sichuan aufruft. Aus Blättern der weißen Chrysantheme, die in China als Zeichen der Unsterblichkeit gilt, legt er einen Pandabären. Der ist selbst vom Aussterben bedroht und ein Symbol für die Region Sichuan.
Es ist eine Ausstellung, die zum Entdecken und Nachdenken einlädt. Denn nur dadurch erfüllt sich der Zweck dieser Plakate. In ihrer Eröffnungsrede fragte Kuratorin Barbara Martin, ob Plakate die Welt retten können. Sicher nicht. „Aber sie können durch Aufklärung und emotionale Appelle zumindest den Versuch unternehmen, auf die Probleme der Welt aufmerksam zu machen, ein öffentliches Bewusstsein dafür zu fördern.“
Ausstellung im Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus bis 15. April, Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Katalog 19 Euro.
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Artikel-Aktualisierungen:
Erstellt am: 06. Februar 2012, 00:00 Uhr
Geändert am: 06. Februar 2012, 03:25 Uhr
Autor: Von Renate Marschall
