Neue Dieselkraftwerk-Direktorin Kremeier: „Ein Museum muss maßgeschneidert für die Region sein“
Ulrike Kremeier, designierte Direktorin des Kunstmuseums Dieselkraftwerk, über ihre Neugier auf das neue Haus und ihre Vorhaben
Cottbus Ulrike Kremeier ist designierte Direktorin des Kunstmuseums Dieselkraftwerk. Sechs Jahre war sie Direktorin der Kunsthalle „passerelle“ in Brest, einer Hafenstadt an der französischen Atlantikküste. Im Interview spricht sie darüber, was sie in die Lausitz zieht.
Es ist ein sehr interessantes Haus, das noch nicht in starren Bahnen verortet ist. Mit seinen unterschiedlichen Entwicklungsphasen zu DDR-Zeiten, dann nach der Wende und jetzt seit vier Jahren in dem neuen Haus, hat es sich immer wieder neu finden müssen.
War es vor allem das Haus, das Sie angezogen hat?
Auch, aber nicht in erster Linie. Dieses umgebaute Industriedenkmal ist natürlich großartig. Das betrifft sowohl das alte Gebäude als historische Spur als auch den Umbau mit den drei unterschiedlichen Ausstellungsräumen. Der allergrößte Reiz geht aber von der Sammlung aus, die einerseits noch aus DDR-Zeiten stammt, andererseits aber Anfang der 90er-Jahre noch einmal neu konfiguriert wurde. Mich interessiert vor allem, wie kompatibel diese beiden Ausstellungsbereiche sind, welche Reibungsflächen sich ergeben. Außerdem, finde ich, spiegelt sich in diesem Museum die Situation der Region gut. Einer Industrielandschaft mit wechselvoller Geschichte und im Spannungsfeld zwischen dem preußischen Erbe Branitz und den Tagebauen. Was man in diesem Spannungsfeld in und mit einem Kunstmuseum machen kann, finde ich aufregend.
Das gegenwärtige Profil des Museums ist bestimmt durch den Themenkreis Natur, Landschaft, Raum – nehmen Sie den an?
Für mich ist das ein ganz wesentlicher Bestandteil des Sammlungsprogramms. Nichtsdestotrotz stellt sich für mich die Frage, wo sich in diesem, erst nach der Wende gesetzten Thema, die DDR-Kunst wiederfindet. Ich glaube nicht, dass die sich unter Natur, Landschaft, Raum einordnen lässt. Natürlich ist es schön, einen Kirkeby zu haben, aber den haben viele andere auch. Sehr wenige Museen haben einen aufgearbeiteten, lebendigen Bestand an DDR-Kunst.
Mit dem die Mitarbeiter ja bestens vertraut sind. Werden Sie am Personal etwas ändern?
Nein. Es ist von unschätzbarem Wert, mit Leuten zusammenzuarbeiten, die das Haus schon seit 20 oder 25 Jahren kennen. Da habe ich mich, schon bevor ich mich hier beworben habe, schlaugemacht. DDR-Kunst ist nicht meine Kernkompetenz. Ich könnte hier nichts erreichen, wenn ich mir nicht sicher sein könnte, dass es hier Menschen gibt, die diese Sammlung kennen und eine Vision bezüglich dieser Sammlung haben. Wir werden uns zusammensetzen und wir werden alle gemeinsam an diesem Museum ziehen und zerren und unsere Kompetenzen in den Cocktail werfen.
Worin sehen Sie Ihre Aufgabe?
Ich habe sehr klare Vorstellungen von Kunst. Ich bin hier nicht als Managerin angetreten.
Wie sehen Sie das Kunstmuseum als Teil der Kulturstiftung?
Es gibt ein paar Probleme, die geradezu ins Gesicht springen. Da wird es sicher ein paar Mal in der Kiste ordentlich rappeln. Aber diese Stiftung hat, wie mir Prof. Heinz Nagler vom Freundeskreis des Kunstmuseums gesagt hat, dem dkw das Überleben gesichert. Ich finde, man muss auf einer Augenhöhe arbeiten und es sollte eine Solidarität innerhalb des Kunst- und Kulturmilieus geben. Trotzdem bin ich der Meinung, Theater verbrauchen eine Menge Geld, dafür dürfen die Museen nicht ausbluten.
Als Sie sich beworben haben, wussten Sie, wie hoch beziehungsweise niedrig das Budget hier ist?
Ja, das wusste ich. Ich bin überzeugt, dass ich mir da noch das eine oder andere Mal die Haare raufen werde. Man muss gucken, wie man das ändert.
Was werden Sie als Erstes hier tun?
Ich möchte das Haus vom Keller bis zum Dachboden erforschen. Bisher kenne ich nur die öffentlichen Räume. Und dann wüsste ich schon gerne, welche Probleme die Mitarbeiter bezogen auf ihre Tätigkeit haben. Ich möchte auch erfahren, welche persönlichen Vorstellungen sie von der Zukunft ihres Arbeitsfeldes haben. Und dann werde ich mich vor allem auf die Sammlung stürzen.
Wie haben Sie vor, mit der Sammlung zu arbeiten?
Ich möchte, dass wir sowohl intern als auch extern damit arbeiten. Das heißt, wir müssen Sammlungsausstellungen machen, die wir in andere Museen auf diesem Planeten implantieren. Das ermöglicht uns, eine Profilierung unserer Einrichtung und zugleich unsere künstlerische Glaubwürdigkeit außerhalb zu kommunizieren. Denn wir werden andererseits immer auf teure und gute Leihgaben anderer Institutionen angewiesen sein. Die kriegen wir aber nur, wenn die kapieren, was für ein tolles Museum wir hier sind und was für eine interessante Sammlung wir hier haben.
Wie sollte das Ausstellungsprogramm hier in Cottbus aussehen?
Auch unsere hausinterne Programmgestaltung würde ich gerne immer wieder an Sammlungspräsentationen festmachen. Zeigen, was wir alles haben. Themen finden, die sich von der Sammlung her anbieten. Dann packen wir temporäre Ausstellungen aktueller Künstlerinnen und Künstler dazu – lokaler wie internationaler. Ich gedenke weder auf Alter, Geschlecht noch Herkunft zu schauen. Es ist mir furchtbar egal, ob jemand aus Cottbus oder aus Timbuktu kommt – wir müssen hier gute Kunst zeigen. Ich bin überzeugt, dass in Timbuktu, in New York und in Cottbus gute Künstler leben.
Sie schließen also nicht aus, auch mal einen Atelierbesuch bei den Künstlern hier in der Region zu machen?
Überhaupt nicht. So ein Museum und sein Programm muss maßgeschneidert für die Region und die Institution sein. Wenn wir jemanden nicht ausstellen, muss ich wissen, warum und der jeweilige Künstler muss es auch wissen. Das ist doch normal.
Wann fangen Sie an?
Fest ab Mitte Juli, aber ab April werde ich monatlich eine Woche hier sein.
Werden Sie dann auch in Cottbus leben?
Ich halte überhaupt nichts von einer ferngesteuerten Institution. Wenn ich das Umfeld nicht ausreichend mag, um es auch als meine eigene Lebensumwelt zu akzeptieren, dann würde ich dort auch nicht arbeiten wollen.
Zum Thema:
Daten zu Ulrike KremeierDie Kunsthistorikerin Ulrike Kremeier war sechs Jahre Direktorin der Kunsthalle „passerelle“ in Brest. Sie hat dort eine der größten französischen Kunsthallen profiliert. Zudem entwickelte sie das Konzept für die Kunstvermittlung der „documenta X“. Sie lehrte an mehreren Universitäten und Kunsthochschulen.
Daten zu Ulrike KremeierDie Kunsthistorikerin Ulrike Kremeier war sechs Jahre Direktorin der Kunsthalle „passerelle“ in Brest. Sie hat dort eine der größten französischen Kunsthallen profiliert. Zudem entwickelte sie das Konzept für die Kunstvermittlung der „documenta X“. Sie lehrte an mehreren Universitäten und Kunsthochschulen.
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Artikel-Aktualisierungen:
Erstellt am: 07. Februar 2012, 00:00 Uhr
Geändert am: 07. Februar 2012, 09:51 Uhr
Autor: Mit Ulrike Kremeier sprach Renate Marschall
