14. Januar 2009, 00:00 Uhr

Lust auf Krabat

Lausitzer Studenten und Wissenschaftler beleuchten Leben des sorbischen Sagenhelden

Mit einer viel versprechenden Buchpräsentation hatten Herausgeber und Autoren, vor allem aus der Brandenburgischen Technischen Universität, im Dezember eine bemerkenswerte Publikation über den sorbischen Sagenhelden Krabat auf den Weg gebracht. Sie hält, was sie versprochen hat.

Krabat alias Wolfgang Kraus bei der Vorstellung des Buches an der Cottbuser Universität. Fotos: Michael Helbig
Wer nach den Büchern von Otfried Preußler, Jurij Brezan, Martin Nowak-Neumann und der jüngsten Verfilmung des Stoffes immer noch oder gerade durch sie Lust auf Krabat verspürt, hier findet diese reichlich Nahrung. Wenn das Sprichwort behauptet, viele Köche verdürben den Brei, gilt für das Lese-Menü in diesem Buch, dass sich die ganz unterschiedlichen Rezepte, Zutaten und Koch-, sprich Schreibweisen zu einem wohlbekömmlichen Ergebnis zusammenfügen. Es zeichnet sich durch Vielseitigkeit, Verständlichkeit und Interessantheit aus. Klingt wie ein neues Sprichwort: Viele Autoren sind der Langeweile Tod. Die Herausgeber des Buches unter Leitung der Studentin Kristin Luban haben dieser Langeweile getrotzt und Autoren gefunden, die sich dem Phänomen Krabat unter ganz unterschiedlichen Gesichtspunkten annähern: philosophischen, soziologischen, kultur- und sprachwissenschaftlichen, allgemein- und technikhistorischen und literarischen. Für jeden ist etwas dabei. Was in so einem Buch bestimmt keiner vermutet, ist eine Science-Fiction-Kurzgeschichte, die Krabat im Weltraum sieht (Student Viktor Terjajew).

Zuerst äußert Hannelore Schmidt-Hoffmann (Redakteurin aus Storkow) ihre Gedanken zum Streit („ausschweifend und nutzlos“) um die Bezeichnungen Sorben und Wenden und beleuchtet die Kultur des kleinsten slawischen Volkes.

Das Fluidum der Mühlen

Danach untersucht Maike Schmidt aus Kiel die Aktualität des Sagenstoffes. Sie zeigt, wie dieser sich im Laufe der Jahrhunderte und der letzten Jahrzehnte verändert hat, bearbeitet, umgeformt wurde. Preußler war der vorerst letzte Former, der den Sagenstoff mit Mitteln des Entwicklungsromanes verbunden hat.

BTU-Technikhistoriker Günter Bayerl versteht es hervorragend, das düster-romantische Fluidum mittelalterlicher Mühlen auszumalen, zu erklären und sie gesellschaftlich einzuordnen.

Von Museumskurator Werner Meschkank erfahren wir, wie in den Überlieferungen aus dem bösen Zauberer Krabat ein sozialkritischer Veränderer wurde. Georg Pilk, ein Krabat-Autor des 19. Jahrhunderts, verleibte dem Zauberer Ideengut eines Onkels ein, der an der 1848er Revolution teilgenommen hatte.

Michael Busch, Germanistikstudent aus Potsdam, untersucht die Instrumente der Macht, die der Schwarze Müller handhabt. Wenn er diese aufzählt, gewinnt man auf faszinierende Weise ein Bild jüngster und gegenwärtiger Diktaturen: Überlegenheit, Machtkonzentration, Schaffung einer permanenten Angstatmosphäre, Kontrolle, Täuschung.

Der Mühle als Mythos und als System nähert sich Technikphilosoph Klaus Kornwachs. Dabei kommt er auf das Zauberbuch Koraktor, das wichtige Informationen in sich und vor anderen verschließt. Nur wer sie hat, kann frei sein. Augenzwinkernd fragt Kornwachs: „Kleiner Wink für die Bildungspolitik?“

Für Karsten Weber, Philosoph in Oppeln/Polen und BTU-Honorarprofessor, geht Krabat Gefahren ein, wenn er das Koraktor-Wissen nutzt. Zieht er doch den Zorn und das Rachegelüst der Macht, des Müllers, auf sich. Technik, liest Weber daraus ab, kann sich sehr wohl gegen den Menschen richten. Er empfiehlt Entgrenzung und Selbstbeschränkung als einen Schutzwall gegen Technik-Folgeschäden.

Heute ein Markenzeichen

Die BTU-Wissenschaftlerinnen Astrid Lange und Christiane Hipp ziehen den verblüffenden Vergleich zwischen Krabats Zauberlehre und den Irrungen und Wirrungen, Umwegen und Sackgassen, die junge Talente und Begabungen im heutigen Leben reifen und die eigene Identität finden lassen.

Einen interessanten Bezug stellt Susanne Hose vom Sorbischen Institut Bautzen her. Vom Zauberlehrling und Schwarzkünstler wird Krabat in der Historie zum Träger des Gedankens der Freiheit. Hoffnungen knüpfen sich heute an seinen Namen. Er ist zum Markenzeichen geworden, „ein Produkt professioneller strategischer Planung“, ein kommerzieller Faktor, aber auch symbolisch „als kraftvoller Neuerer und Verwandler“ der Region. Dem stimmt auch die Historikerin Stefanie Krautz (Berlin) zu, die in der Krabat-Figur „eine legendäre Gestalt, die sich mit einer regionalen Identität verbindet“, sieht.

Bedienen sich alle diese Artikel, Aufsätze und Essays des Faktischen, so leben die weiteren Arbeiten („Interpretationen“) von Fiktionen. BTU-Mitarbeiter Mercin Nowak-Barlinski, Studentin Katrin Geske, Theaterleiter Gerhard Printschitsch (Theaternative C), der Angestellte Rene Schuster, der Student Viktor Terjajew (alle Cottbus) und der malende Braunschweiger Student Felix Franz beweisen augenfällig, dass man die Krabat-Geschichte auch im 21. Jahrhundert fortschreiben und -malen kann.

BTU-Präsident Walther Ch. Zimmerli hat dieses spannende Menü mit einem Geleitwort eingeleitet. Wissenschaft sei im tiefsten Inneren technisch. Krabat fordere aber dazu auf, die Nebenfolgen zu erforschen.
Herausgeberin Kristin Luban mit dem Buch „Krabat. Analysen und Interpretationen“ (276 Seiten, 14,50 Euro).
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Erstellt am: 14. Januar 2009, 00:00 Uhr
Geändert am: 14. Januar 2009, 10:33 Uhr
Autor: Von Klaus Wilke

Von Klaus Wilke