16. Oktober 2010, 00:00 Uhr
Künstler versus Wasserpreise
Es gibt im Musikschaffen, vor allem in der Popmusik, thematische Evergreens: Liebe, Trennung, Einsamkeit, Tod, auch Autos und der Weltfrieden werden gern künstlerisch betrachtet. Wasserpreise gehören eher nicht dazu.
Das heißt natürlich nicht, dass Wasserpreise für Musiker und andere Künstler kein Thema wären. Sie besitzen schließlich enormes Aufregungspotenzial für viele Menschen, die Brandenburger wissen das nur allzu gut. Aber auch die Bewohner der Hauptstadt, wo die Wasserpreise seit 2001 um 35 Prozent gestiegen sind.
Unabhängige Experten sehen eine Hauptursache in der Teilprivatisierung der Berliner Wasserbetriebe beziehungsweise in den Profitraten für die neuen privaten Anteilseigner, die in Geheimverträgen zugesichert worden sein sollen. Um den Senat zur Offenlegung dieser Geheimverträge zu zwingen, sammelt die Bürgerinitiative Berliner Wassertisch Unterschriften für ein Volksbegehren. Bis zum 26. Oktober müssen 172 000 zusammenkommen, noch fehlen mehr als 30 000.
Um dem Anliegen einen Schub zu geben, sprechen sich auch etliche bekannte Künstler dafür aus, mit der Privatisierung des »wichtigsten Grundnahrungsmittels« Schluss zu machen. Dazu gehören unter anderem die Schriftsteller Volker Braun, Christoph Hein und Wladimir Kaminer, Schauspielerin Katharina Thalbach sowie die Musiker Ritchie Barton (Silly), Loveparade-Erfinder Dr. Motte und Ulla Meinecke.
Einige Künstler verbanden jüngst bei einer Podiumsdiskussion in der Berliner Volksbühne ihr Unterstützertum für das Volksbegehren mit grundsätzlicher Kritik an der gemeinwohlfeindlichen Spielart des Kapitalismus. Sängerin Ulla Meinecke nannte das Profitdenken bei vielen Menschen »gehirngewaschen eingefräst«. Der Schriftsteller Ingo Schulze fasste seine Kritik in nicht ganz so wutgeladene Worte. Er zitierte den Philosophen Karl Theodor Jaspers: »Die Voraussetzung für einen freien Staat ist ein Maximum an Öffentlichkeit. Nur sie ermöglicht ein Maximum an Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Es darf keine wesentliche und dauerhafte Geheimhaltung geben.« Die Sätze hatte er schon einmal vor einem größeren Publikum vorgetragen: in einer Ostberliner Kirche im Herbst 1989. leu1