09. Februar 2012, 00:00 Uhr

„Kapitalistischer Realismus“ in Senftenberg

Die Kunstsammlung Lausitz besitzt zwei Druckgrafiken von Gerhard Richter, der heute 80 wird

Cottbus Ein Maler der Superlative: Zu seinem 80. Geburtstag am heutigen Donnerstag wird Gerhard Richter als bedeutendster und teuerster lebender Künstler gefeiert. Die Kunstsammlung Lausitz in Senftenberg besitzt seit 1995 zwei Druckgrafiken von ihm. Damit erinnert sie an Richters Jugend in der Oberlausitz.

Funken, 1970 Repros: Museum Senftenberg
Wenn Menschen alt werden, neigen sie dazu, ihre Ursprünge aufzusuchen. „Vor ein paar Jahren entdeckte ich dann die Lausitz wieder, wo ich einen Teil meiner Kindheit verbracht habe. Ich hatte plötzlich dieses Gefühl, als Kind von viel Schönheit umgeben gewesen zu sein, und auch in Dresden entdeckte ich diese Schönheit. Man merkt erst spät im Leben, was einen alles geprägt hat.“ So äußerte sich Gerhard Richter vor einiger Zeit in einem Interview in der „Welt“. Biografischen Angaben zufolge ist der gebürtige Dresdner in Waltersdorf (heutiger Landkreis Görlitz) in der Oberlausitz aufgewachsen und hat in Zittau eine Ausbildung zum Bühnen- und Werbemaler absolviert, bevor er 1951 ein Kunststudium in Dresden aufnahm.

Kurz vor dem Mauerbau 1961 flüchtete Gerhard Richter nach Westdeutschland. Angeregt von internationalen Vertretern der abstrakten Avantgarde und Pop-Art wie Jackson Pollock oder Roy Lichtenstein machte er von Düsseldorf aus eine Weltkarriere als Maler, Fotograf und Bildhauer. Sie begann 1963 mit einer Ausstellung, die er in provokativer Anspielung an das Kulturdiktat des „Sozialistischen Realismus“ „Kapitalistischer Realismus“ nannte.

Bis heute wird Richter gelegentlich der Bruch mit seinem studentischen Frühwerk vorgeworfen. Er soll diese Arbeiten aus DDR-Jahren nicht in seinen Werkkatalog aufgenommen und teilweise vernichtet haben. Gerhard Richter dagegen hat klargestellt, dass er lediglich verhindern wolle, dass Geschäftemacher mit angeblichen frühen Richter-Werken Kasse machen. Seit mehreren Jahren bekennt er sich mit Ausstellungen und Auftritten in Dresden und in Pulnitz (Landkreis Bautzen) zu seinen Wurzeln.

Umgekehrt haben Kunstliebhaber in Ostdeutschland das Werk Richters im Blick behalten. Einer von ihnen ist Bernd Gork, der sich mehr als 25 Jahre als Kurator um die Kunstsammlung Lausitz in Senftenberg verdient machte. Er hat nach 1990 gezielt Werke von Künstlern mit Lausitzer Bezug gesammelt, die die DDR aus politischen Gründen verlassen hatten: Georg Baselitz, Hartmut Bonk, Peter Herrmann, Dietrich Lusici und eben Gerhard Richter. „Vor der Wende war das nicht möglich“, berichtet der 62-jährige Senftenberger.

1995 konnte Bernd Gork in der Galerie Gebrüder Lehmann in Dresden zwei Druckgrafiken Gerhard Richters erwerben. Die beiden Bilder werden zurzeit allerdings nicht im Senftenberger Schloss ausgestellt. „Funken“ ist ein signierter Farboffsetdruck von 1970 im Format 32 mal 46,8 Zentimeter, von dem rund 200 Exemplare angefertigt wurden. Zu sehen sind, unscharf abstrahiert: Blätter, Äste und Funkenflug in wirren Linien. Als Motiv liegt nach Angaben Bernd Gorks eine Fotografie von einem Lagerfeueraufenthalt mit offenbar langer Belichtungszeit zugrunde.

„Schweizer Alpen I“ heißt das andere Bild in Grautönen, das zu einer kleinen Reihe von ebenfalls recht abstrahierten Landschaftsdarstellungen gehört. Als Vorlage soll ein Gemälde gedient haben, das wiederum auf einer Fotografie basiert, die Richter 1968 vom Flugzeug aus auf einer Reise nach Mailand machte. Es handelt sich um einen signierten Farbsiebdruck in 300er-Auflage im Format 69,4 mal 69,4 Zentimeter von 1969.

Beide Bilder sind keine Unikate, keine Hauptwerke des Weltstars. Aber sie weisen als Charakteristikum auf, was Gerhard Richters Arbeiten berühmt gemacht hat: eine komplexe Wechselwirkung zwischen den Gattungen Malerei, Fotografie und Grafik, zwischen Realismus und Abstraktion.

Was den Marktwert betrifft, sind die Grafiken weit entfernt von dem Rekord-Erlös von rund zwölf Millionen Euro, den Richters Gemälde „Kerze“ im vergangenen Herbst bei einer Auktion einspielte. Der Kaufpreis für beide Blätter zusammen soll im mittleren vierstelligen D-Mark-Bereich gelegen haben. Er wurde damals von der Sparkasse Spree-Neiße übernommen. Jüngere Auktionserlöse für jeweils eine dieser Grafiken liegen zwischen rund 1000 und 5000 Euro.

Zum Thema:

Gerhard RichterAm 9. Februar 1932 in Dresden geboren. Von 1949 bis 1951 in Zittau Ausbildung zum Bühnen- und Werbemaler. 1950 wurde sein Aufnahmeantrag für die Kunsthochschule in Dresden abgelehnt. 1951 begann er das Studium an der dortigen Kunstakademie. Von 1957 bis 1961 arbeitete Richter dort als Meisterschüler. Im Februar 1961 floh er nach Westdeutschland. Er war von 1971 bis 1993 Professor an der Kunstakademie Düsseldorf.
Schweizer Alpen I , 1969
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Erstellt am: 09. Februar 2012, 00:00 Uhr
Geändert am: 09. Februar 2012, 02:46 Uhr
Autor: Von Felix Johannes Enzian

Von Felix Johannes Enzian